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Botschaft der Wachsamkeit – eine Hausgemeinschaft gedenkt der Bücherverbrennung

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Fotos: Alexander Ochs

„Das war harter Tobak“, resümierte Alexander Ochs, sichtlich erschöpft, aber auch ergriffen. Soeben sind die letzten melancholischen Klänge eines jiddischen Liedes verklungen, das die Schauspielerin Eva Mattes vorgetragen hat. Draußen senkte sich allmählich die Dämmerung auf Berlin-Charlottenburg. Ein langer Tag liegt hinter Ochs und seinen Nachbarn im Haus Schillerstraße 15. Genau genommen waren es mehr als fünfzehn Stunden: vom Sonnenaufgang um 5.29 Uhr bis zum Sonnenuntergang um 20.36 Uhr.

Eva Mattes

„Eine Hausgemeinschaft liest gegen das Totalitäre. Nachbarn lesen für Nachbarn – Freunde lesen für Freunde“, so stand es auf der Einladung. In der Wohnung des Galeristen und Kurators Alexander Ochs und seiner Frau Kathrin Barwinek waren Mitbewohner und Gäste zusammengekommen, um gemeinsam der Bücherverbrennung von 1933 zu gedenken. Ziel war es zudem, „eine Botschaft der Wachsamkeit an die Despoten, Unterdrücker und Diktatoren der Gegenwart, ihre Opfer und an eine teilnehmende und nicht wegschauende Öffentlichkeit zu richten“.

Alle, die „sittlich übereinstimmend fühlen und handeln“ waren den Gastgebern willkommen. Und erfreulich viele folgten der Einladung an einem gewöhnlichen Werktag.

Am Ende waren es über 60 Teilnehmer, darunter 28 Hausbewohner, die unter anderem Texte von Heinrich Heine, Bertolt Brecht, Dietrich Bonhoeffer, Anna Seghers, Mascha Kaléko oder Nelly Sachs lasen. Ebenso kamen Schriftsteller aus der Türkei, China und anderen Ländern zu Wort, die heute der Zensur unterliegen.

Aktuelle Festnahme in der Türkei

Foto: Franziska Pett

Es stand schon besser um das freie Wort in der Welt. Kritische Autoren und Künstler laufen in immer mehr Staaten Gefahr, ihre Freiheit, ihre Arbeit oder gar ihr Leben zu verlieren. So wurde dieser Tage bekannt, dass bereits am 1. Mai die deutsche Journalistin Mesale Tolu in Istanbul verhaftet worden war. Sie durfte weder Verwandte noch ihren Anwalt anrufen und musste den zweieinhalbjährigen Sohn bei fremden Nachbarn zurücklassen. Ihr Schicksal ist nur ein trauriges Beispiel von vielen, das vor Augen führt, wie aktuell und notwendig das Gedenken an die Bücherverbrennung heute ist.

Auf den Stolpersteinen vor dem Haus hatten die Bewohner gelbe Rosen niedergelegt. Inzwischen erinnern 3.000 in den Bürgersteig eingelassene Gedenkplaketten in Berlin an die Menschen, die unter den Nationalsozialisten verfolgt oder ermordet wurden. Nahezu 6.200 vor allem jüdische Charlottenburger sind damals Opfer des Rassenwahns der Nationalsozialisten geworden, darunter 190 Kinder.

„Die Stolpersteine vor unserem Haus brachten mich auf die Idee, gemeinsam mit der Hausgemeinschaft der Menschen im eigenen Umfeld zu gedenken“. Erst vor einigen Jahren hatte er seine Galerien in Peking und Berlin geschlossen. Mit seiner Privatgalerie „Alexander Ochs Private“, die ein wenig an einen Salon erinnert, setzt er dem Kunstbetrieb ein intimes Format entgegen.

Wer waren die Menschen, die hier wohnten?

Wer waren die Menschen, die einst in der Schillerstraße 15 lebten? Einer der Mitbewohner rekonstruierte das Leben eines jüdischen Paars aus dem Haus. Ein sachlicher Vortrag. Das Paar nahm wieder Gestalt an – zumindest in der Vorstellung der Zuhörer. Umso kälter erwischte sie der Schluss. Das Paar, das vielleicht eine Tür entfernt gewohnt hatte, es wählte den Freitod.

Gelesene Texte

Die Nachbarin Ulrike Brückner wiederum las eine Rede des Bundestagspräsidenten Norbert Lammert, während die Schauspielerin Gabrielle Scharnitzky auf bewegende Weise Briefe von Else Lasker-Schüler vortrug, die zwischen Selbstironie und schierer Verzweiflung changierten.  Gabrielle Scharnitzky war es auch, die von einem Erlebnis berichtete, das sie nachhaltig beeindruckt hatte. Immer schon habe sie sich gefragt, wer zuvor in ihren Räumen gelebt hätte, wessen Energie dort zu spüren sei. Eines Tages fand sie die Antwort, als unvermittelt die Komponistin Ursula Mamlok vor ihrer Tür stand, die vor den Nationalsozialisten in die USA geflohen war. Es entwickelte sich eine Freundschaft, die bis zum Tod der alten Dame anhielt.

Auch Saranam Ludvik Mann, Enkel von Heinrich Mann, der mit Freunden in Berlin eine Tantra-Schule betreibt, befand sich unter den Lesenden. Er trug aus der Erzählung „Professor Unrat“ vor, die sein Großvater 1904 als Gesellschaftssatire auf das kaiserliche Deutschland verfasste hatte. „Eine verklemmte Gesellschaft kann ein totalitäres System begünstigen“, warnte er zum Abschluss.

Saranam Ludvik Mann

Am Ende trat die Hausgemeinschaft noch einmal zusammen. In einer anonymen Großstadt beschränkt sich gute Nachbarschaft in der Regel auf den beiläufigen Gruß im Treppenhaus, bestenfalls aber auf das Versorgen von Briefkasten und Balkon zur Urlaubszeit. Diese sehr persönliche Veranstaltung – initiiert von Ochs und der ebenfalls im Haus lebenden Kunsthistorikerin und Kuratorin Shulamit Bruckstein Çoruh – hat den Nährboden für tiefer gehende Beziehungen geschaffen.

Sie hat Sehnsüchte berührt, die immer mehr Menschen, nicht nur in Berlin, teilen. Sehnsüchte nach ganz einfachen, verlorenen Dingen. Nach Lesen und Musizieren mit Freunden. Nach menschlicher Nähe. Nach gemeinsamem Erleben und Erinnern.

Mehr noch hat das Zusammenrücken geholfen, zumindest für eine Weile das Gefühl der Ohnmacht und Verzweiflung zu bändigen, das sich einstellt, wenn wir uns wirklich intellektuell und emotional darauf einlassen, was einst in unserer Nachbarschaft, in unserem Land geschehen ist. Oder wenn wir uns intellektuell und emotional auf Geschehnisse wie die Verhaftung von Mesale Tolu aus Istanbul einlassen, die jetzt in einem anderen Land, in unseren Tagen, geschehen. Und uns hoffen lässt, dass unsere Stimme vielleicht doch ein Gewicht hat – im Chor von Gleichgesinnten, von Nachbarn, von Freunden.

 

Siehe auch unseren Beitrag über Shared Reading

 

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