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Jenny Brockmann – Geteilte Archive

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© Jenny Brockmann

In Form von Skulpturen, interaktiven Raumanordnungen sowie Gedankenskizzen forscht Jenny Brockmann seit Jahren zu dynamischen, räumlichen und sozialen Prozessen sowie zu Abläufen in der Natur. Ihre Arbeiten sind Ausgangspunkt für philosophische Diskurse und Fragestellungen zu menschlichen Verhaltensmustern sowie Gesellschaftsstrukturen.

Jenny Brockmann creates works characterized by discursive aesthetics. Besides autonomous objects, Brockmann’s works are always instructive examples and illustrative models of her artistic research as well. In the form of sculptures, interactive spatial arrangements or outlines of thought, for years now the artist has been researching into dynamic, spatial and social processes as well as natural cycles. Brockmann’s works are the starting point for philosophical discourse and questions about patterns of human behaviour and social structures.

Archiv und Teilen

Die Form des Archivs gibt mir die Möglichkeit, meine gesammelten Daten mit anderen zu teilen, sie der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Es ist ein Symbol für Erinnerung, mit Bezug auf die Erinnerung unseres Gehirns, das räumliche Erfahrungen wie Wetter, Natur, Strukturen und Farben speichert und daraus ein Relationssystem entwickelt. Das Archiv macht nicht nur zugänglich, was ich in einem bestimmten Moment, an einem bestimmten Ort, erfahren habe, sondern auch, welche Werkzeuge ich verwendet habe (Wetterstation, Kompass, Zeichenstift, Altimeter,…). Es soll dazu einladen, sich dem öffentlichen Raum in derselben Form anzunähern, wie ich es getan habe: Details entdeckend und Formen untersuchend.

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Archive and Sharing

The archive is a form to share my data collection and make it ac­cessible to the public. It is a symbol of memory, relating to the memory of our brain which stores spacial experi­ences like weather data, material of nature, structures and colours, creating a relational system out of it. The archive not only makes accessible what I experienced in a certain moment at a certain place, but also which tools I used (weather station, the compass, the Altim­eter etc.). It is an invitation to approach public space in the same way I did: discovering the details and analyz­ing its shape.

Chronik eines Ortes

Angesichts der anwachsenden Flüchtlingszahlen aus Afrika und dem Mittleren Osten und der zunehmenden Schließung der europäischen Grenzen stellt sich mehr denn je die Frage nach Identität und Heimat. Für mein Projekt ‚Chronik eines Ortes‘ habe ich die Städte New York, Istanbul und Tel Aviv aufgesucht, um zu sehen, welche Spuren die Emigration von Deutschen hier hinterlassen hat. Nach New York kamen deutsche Emigranten Anfang des 20. Jh. aus wirtschaftlichen und politischen Gründen, nach Istanbul sind vor 150 Jahren Ingenieure und Arbeiter ausgewandert, um an den Projekten zum Aufbau der Infrastruktur mitzuwirken, während deutsche Juden in den 40er-Jahren aufgrund des Holocaust nach Tel Aviv emigriert sind.

In New York fuhr ich mit einem kleinen motorisierten Schlauchboot den tidenabhängigen East River herab, in Istanbul bin ich einen geraden Weg – ‚durch Häuser und über Wasser‘ – von dem Sircesi Bahnhof zum Galata-Turm gelaufen und in Tel Aviv habe ich eine spiralförmige Route mit 9 Stationen gewählt und jeweils 3 Stunden im öffentlichen Raum verweilt.An den ausgesuchten Punkten nahm ich Messungen vor, fertigte Zeichnungen und Notizen an, machte Foto- und Filmaufnahmen und nahm Wasser- und Materialproben. Im Atelier habe ich später die Sammlung ausgewertet, Karten gezeichnet, Fotocollagen und Filme zusammengestellt, Materialproben gesichtet und katalogisiert. Für jeden Ort ist eine Tagebuch-Ortsbeschreibung entstanden, die sich aus unterschiedlichen Medien zusammensetzt. Darüber hinaus mache ich dort Ortsaufnahmen, wo das Archiv ausgestellt wird. So wächst dieses fortlaufend an.

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Chronicle of a Place

This projects relates to the question of identity and home in view of the situations of closing the borders around Europe and the rising numbers of refugees from Africa and the Middle East asking for asylum. Jenny Brockmann researched about the emigration of Germans in the recent history. In the beginning of the 20th century Germans emigrated to New York because of financial and of political reasons. 150 years ago german engineers and workers emigrated to Istanbul to work in the many infrastructure projects, and German jews emigrated in the 40’s to Tel Aviv because of the Holocaust in the second World War.

‚Chronicle of a Place‘, 2013-2016 is a performance and installations project in public spaces in New York, Istanbul and Tel Aviv. In the framework of this researchbased, time and sitespecific project Jenny Brockmann embarked on paths which are related to the history of German emigrants in these cities (1). In New York the artist went on the tidal East River with a small motorized rubber boat, in Istanbul she took a straight line (passing through houses and upon the water) from the Sirkeci station to the Galata tower urban landmark and in TelAviv she spent three hours time in public space at nine stations on a spiral-shaped route. On selected spots Brockmann took measurements, worked on drawings and notes, she took photos and film sequences and collected materials and water. In her studio in Berlin the artist analyzed the collection, working on maps, photocollages and films, assorting and cataloguing the material samples. For each place a diary related site description emerged, constituted by the different media. On every place, where these materials will be shown, Brockmann will continue to take measurements in order to proceed to work on an evergrowing archive.

Chronik eines Ortes – kulturelle Bildung für Menschen aus Flüchtlingsunterkünften.

Zuletzt wurde das Archiv im Rahmen der Ausstellung „Gedok Urban. Aspekte Berliner Kunst“ in der Kommunalen Galerie in Berlin- Wilmersdorf gezeigt, die im selben Gebäudekomplex untergebracht ist wie ein Flüchtlingswohnheim (ehemaliges Rathaus Wilmersdorf). Jenny Brockmann bot dort im April erstmals einen einwöchigen Kurs an „Chronik eines Ortes – kulturelle Bildung für Menschen aus Flüchtlingsunterkünften“. Doch während in Tel Aviv, New York und Istanbul die Künstlerin die Recherche durchführte, waren es nun Frauen – überwiegend aus dem Irak und Afghanistan – die, geleitet von Jenny Brockmann, die Stadt Berlin für sich entdeckten.

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Weitere Informationen zu Jenny Brockmann.

Die in Berlin lebende Künstlerin studierte Bildende Kunst an der Universität der Künste in Berlin und war Meisterschülerin bei Rebecca Horn. Zudem erhielt sie ein Diplom in Architektur an der Technischen Universität zu Berlin. Mit ihren organischen bis philosophischen Skulpturen und Installationen erzielte die 1976 geborene Künstlerin internationales Renommee. Ausstellungsorte waren u.a.: Manege, St. Petersburg; Museo de Arte de El Salvador, San Salvador; Nordart, Rendsburg; Kasko, Basel; St. Pancras, London; Galerie Gerken, Berlin; Museo para la identidad Nacional, Tegucigalpa; Haus am Lützowplatz, Berlin; Deutsches Generalkonsulat, New York; The Genia Schreiber University Gallery, Tel Aviv; Hudson River Center for Contemporary Art, Peekskill, USA und Kaohsiunh Museum of Fine Arts, Taiwan.

Ab dem 23. Juni 2016 ist ihre Ausstellung „Wissensraum ‚Irreversibler Moment‘“ in der Schering Stiftung Berlin zu sehen.

 

Tags : Chronik eines OrtesGedok UrbanJenny BrockmannSchering Stiftung