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Göttliches Miteinander – „made in Kerala“

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Franziska Pett

Religiöser Extremismus, Gewalt zwischen den Glaubensrichtungen – die Konflikte in weiten Teilen der Welt scheinen sich zuzuspitzen. Doch es geht auch anders. So wie zum Beispiel in Kerala. In dem südindischen Bundesstaat leben Hindus, Muslime und Christen auf engem Raum fast durchgehend friedlich zusammen. Das ist umso bemerkenswerter, als Kerala einer der am dichtesten besiedelten Bundesstaaten Indiens ist. „God’s own country“. So wirbt Kerala für sich. Doch wessen Gott ist es, der Kerala sein eigen nennt? Die Antwort darauf war in diesem Jahr unübersehbar am „Good Friday“, dem christlichen Karfreitag. Keraliten aller Religionsgruppen waren auf den Beinen, um ihren Gott bzw. ihre Götter zu ehren.

Auf dem staubigen Seitenstreifen der Straße von Vizhinjam nach Poovar zieht eine hunderte Meter lange Kolonne entlang. Ihr klagender Gesang ist schon von weitem zu vernehmen. Die bunten Saris der Frauen und Mädchen bilden im Kontrast dazu eine farbenfrohe Front. Viele der Männer tragen ein Holzkreuz auf dem Rücken. Gläubige fallen auf die Knie, sobald der Zug ins Stocken gerät, einige erheben die ausgebreiteten Arme zum Himmel. Karfreitagsprozessionen wie diese sind in Kerala allerorten zu sehen.

Blumenstand im Bazar von Trivandrum

Daneben wuseln wie üblich Handkarren, motorisierte Rikschas, abenteuerlich überladene Kleinlaster und hupende SUVs durcheinander, dazwischen furchtlose Radfahrer und Fußgänger, streunende Hunde und heilige Kühe. An diesem Tag jedoch geht es deutlich entspannter zu, denn der Karfreitag fällt mit Vishu, dem hinduistischen Neujahrstag der Region, zusammen. Und so pilgern die hinduistischen Familien festlich gewandet zu ihren Tempeln. Sie tragen leuchtend gelbe Blumenketten, die an zahlreichen Ständen verkauft werden, um das neue Jahr zu begrüßen.

Süßes für den Elefantengott

Ganesha hat seine Gaben bereits erhalten: Süßigkeiten, Früchte und Blüten stapeln sich vor der Statue des vernaschten Elefantengottes mit dem runden Bäuchlein. Als heiliges Tier ist dem tiefenentspannten Schwergewicht ausgerechnet eine Maus zugeordnet. Der Nager dient ihm als Reittier. So wie Ganesha werden auch andere indischen Götter – 330.000 sollen es sein – mit Gaben überhäuft. Es ist ein Fest für die Sinne, ein Übermaß an Gerüchen und Farben, das sich tief ins Unterbewusstsein eingräbt.

Tiefenentspannter Ganesha (Somatheersm Resort South of Kovalam)

Ein paar Meter weiter haben sich Muslime in der Moschee zum Freitagsgebet versammelt. Während die Muslime ihrem religiösen Alltag nachgehen, durchleiden die Christen am Good Friday die Passion Jesu, und die Hindus feiern an Happy Vishu die Fülle des Lebens.

Neben den drei großen Religionen leben auch buddhistische und jüdische Minderheiten sowie eine kleine Zahl an Parsen, Jains und Sikhs in Kerala: Etwa fünfzig Prozent der Keraliten jedoch sind Hindus, dreißig Prozent Muslime und zwanzig Prozent Christen. Mehr als die Hälfte der indischen Christen lebt im Süden des Landes.

An alten Handelsrouten gelegen und immer wieder von fremden Mächten erobert, haben die Keraliten über die Jahrhunderte hinweg die Fähigkeit entwickelt, sich für äußere Einflüsse zu öffnen und sich anzueignen, was ihnen vorteilhaft erscheint. Ganz gleich, ob es um ein arabisches, chinesisches, antik-römisches oder neuzeitlich-europäisches Erbe ging.

Die Ursprünge der Christianisierung gehen auf den Apostel Thomas zurück, dessen Martyriumsstätte in Chennai im Bundesstaat Madras verehrt wird. George J. Tahliath, Gründer des privaten Volkskunstmuseums FACE in Kochi, bringt die Identität der Thomas-Christen, auch Nasrani People genannt, auf folgenden Nenner: „Kirche in Kerala ist hinduistisch in der Kultur, christlich in der Religion und jüdisch-syrisch-orientalisch im Gebet“.

Blumen auch für Christus in einer Fischerkirche in Vizhnjam

Einen großen Einfluss hatten später die Missionare, die mit den portugiesischen und britischen Kolonialherren kamen und die lateinische Liturgie einführten. Zu den „lateinischen Christen“ zählen vor allem die Fischer, die ihre Boote nicht selten „Jesus“, „St. Anthony“ oder „St. Mary“ taufen.

Eine Vermischung der christlichen Kirchen findet kaum statt. Hochzeiten zwischen den Gruppierungen sind in dem vom Kastenwesen geprägten Land unerwünscht. Ein ungeschriebenes Gesetz, an das sich fast alle halten.

Bisher sind Konflikte zwischen den Religionen selten in Kerala. Eine traurige Ausnahme bildet das Fischerdorf Vizhinjam. Während sich auf dem Hügel im Norden des Ortes eine mächtige Moschee erhebt, markiert eine riesige Christusstatue den christlichen Teil. Im Hafen dazwischen war es Anfang der 1990er Jahre zu Ausschreitungen gekommen, bei denen mehrere Menschen starben. Seitdem trennt ein dreihundert Meter breites, von fünfzehn Polizisten bewachtes Niemandsland die Parteien.

„Christin in Kerala zu sein bereichert nicht nur den Geist, sondern auch die Seele“

Alltag in einer Moschee

„Ich verstehe das nicht – wir alle sind gleich“, kommentiert dies der hinduistische Fremdenführer Vijayakumar. Auch die in Berlin lebende, aus Kerala stammende Violinistin Amy Philips sieht die religiöse Vielfalt als Vorteil: „Christin in Indien zu sein, bedeutet für mich, von frühauf andere Religionen zu respektieren.“ Das bereichere nicht nur den Geist, sondern auch die Seele.

Ein tolerantes Miteinander der verschiedenen Religionen sei typisch für Kerala, bestätigt auch Ladenbesitzer Ram Krishna Manna. Die religiösen Gruppierungen kämen gut miteinander aus. Was ihm Sorgen bereite, sei allerdings eine Strömung in der Regierungspartei, die Hindus als überlegen betrachte und entsprechende Vorrechte beanspruche. Außerdem befürchten viele Hindu-Fundamentalisten, dass Missionare das als heilig angesehene Kastensystem unterminieren könnten.

Auch Syed Ibrahim, Leiter des Goethe-Zentrums in Trivandrum, warnt vor zunehmenden Ressentiments der Fundamentalisten. Er selbst hingegen praktiziert das religiöse Miteinander in der eigenen Familie. Einer arrangierten Ehe zum Beispiel hatte sich der Muslim verweigert und eine Hindu-Frau geheiratet – gegen alle Widerstände, doch ohne die Gefühle der muslimischen und hinduistischen Angehörigen zu verletzen. Für ihn und seine Familie ein Happy End.

„Das Leben in Kerala lehrt uns, dass friedliche religiöse Koexistenz möglich ist“, erklärt er. Mehr noch. Syed Ibrahims Biographie ist ein Beleg für die produktive Kraft einer Kultur, die – über religiöse Grenzen hinweg – die individuellen Potenziale der Menschen fördert. So verweist Ibrahim darauf, dass es gerade auch Stipendien christlicher Organisationen waren, die ihm seinen Weg ermöglicht haben.

Hafen von Vizhnjam (christlicher Teil)

Bildung betrachtet Ibrahim als das wichtigste Bollwerk gegen sozialen und oft religiös aufgeladenen Unfrieden. Vor dem Hintergrund würdigt er die Bildungstätigkeit christlicher Missionare. Tatsächlich haben sie großen Anteil daran, dass Kerala heute eine Alphabetisierungsquote von nahezu 100 Prozent vorweisen kann. Bildung hat einen hohen Stellenwert in Indiens erfolgreichstem Bundesstaat.

Syed Ibrahim, Foto: Goethe Zentrum Trivandrum

Das spiegelt sich unter anderem im Erfolg des regionalen Goethe-Zentrums wider. Die Deutschkurse sind berstend voll. Während sich zum ersten Kurs im Jahr 2008 noch zwölf Interessierte anmeldeten, braucht es inzwischen vier Klassenzimmer, um des Andrangs Herr zu werden. Die Zahl der Deutschschüler in Indien ist die zweithöchste weltweit. Und so wächst das Goethe-Zentrum Trivandrum kontinuierlich. Als einzige Einrichtung seiner Art hat es eine Außenstelle gegründet, im nördlich gelegenen Kochi.

Goethe-Zentrum Trivandrum: Magnet für Jugendliche

Die meist jungen Kursteilnehmer versprechen sich von ihren Deutschkursen eine bessere berufliche Zukunft. So zum Beispiel zwei Nachwuchsingenieure, die demnächst in Aachen weiterstudieren wollen. Oder ein junger Priester, der eine Stelle in Würzburg gefunden hat. Und einige junge Frauen planen, als Krankenschwestern nach Deutschland zu kommen.

Syed Ibrahims Zugang zur deutschen Sprache hingegen war ein sehr persönlicher: „Schuld“ sei die Pendeluhr seines Vater gewesen. Sie trug die Aufschrift „made in West-Germany“. Dem kleinen Syed oblag es, die Uhr aufzuziehen. Eine Aufgabe, die er mit Freuden ausführte: „Ich wollte wissen, wer solche Präzision herstellt“. Diese Frage ließ ihn nicht mehr los. Und so setzte Syed Ibrahim beruflich alles auf eine Karte, gab seine gut bezahlte Ingenieursstelle auf und studierte Deutsch.

Menschen aus seinem Umfeld erkannten seine Berufung und halfen ihm durch diese wirtschaftlich schwierige Zeit. „Freunde sind mein innerer Reichtum“. Diese Haltung lebt Ibrahim aus Überzeugung, und so tragen die Beziehungen von damals heute noch. Inzwischen ist Syed Ibrahim Honorarkonsul und wurde für seine Verdienste um die kulturelle Verständigung von Joachim Gauck mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

„Vielleicht ist das Goethe-Zentrum auch so etwas wie ein Modell des selbstverständlichen religiösen Miteinanders“, resümiert Syed Ibrahim. Zum Osterfest wurde dies besonders sinn- und augenfällig. Im Vorgarten des Institutes begrüßte ein 2,50 Meter großer Osterhase die Besucher. Vor ihm ein Shiva-Schrein zum Happy Vishu.

Foto: Goethe Zentrum Trivandrum

 

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