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Sanfte „Wunderwaffe“ Shared Reading

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Foto: Christoph Müller

Auf den ersten Blick herrscht das übliche geschäftige Treiben in der Amerika-Gedenkbibliothek (AGB) in Berlin. Suchende wimmeln zwischen den Regalen und fahnden nach ganz bestimmten Titeln.

Ein Mann schiebt seelenruhig die Schubwände der Artothek vor und zurück, um schließlich eine Lithographie zu entnehmen. Und an der Ausleihe stauen sich die Bücherfreunde: Denn was man schwarz auf weiß besitzt, kann man getrost nach Hause tragen …

Unbeeindruckt von dieser Kulisse sitzt ein Dutzend Menschen im Salon um einen langgezogenen Tisch herum, vor der Gruppe liegt ein ausgedruckter Text. Das scheint erst einmal nicht so ungewöhnlich in einer Bibliothek. Und dennoch handelt es sich bei dem Event des „Shared Reading“ um ein mit Neugierde erwartetes Novum. Immerhin ist es die Deutschlandpremiere in einer öffentlichen Einrichtung, zu der die AGB gemeinsam mit „Böhm & Sommerfeld. Literarische Unternehmungen“ am 3. Mai 2016 eingeladen hatte.

P1030476„Shared Reading“, erklärt Carsten Sommerfeldt, sei eine Methode, die vor zwanzig Jahren von Jane Davis in Liverpool entwickelt und diesen Frühling mit großem Erfolg auf der Leipziger Buchmesse vorgestellt wurde. Als „neue Wunderwaffe“ etwa bezeichnete rp-online das Shared Reading. Wieder mal ein neuer medialer Hype, dem andere in Kürze folgen werden?

Was verbirgt sich hinter diesem „geteilten Lesen“, das in Großbritannien in Unternehmen und Schulen, aber auch in sozialen Brennpunkten, in Gefängnissen, in Kliniken – etwa bei Patienten mit psychischen Krankheiten oder Demenz – eingesetzt wird?

Eigentlich ist es denkbar einfach. Ein Faciliator, in diesem Fall Carsten Sommerfeldt, sucht eine oder mehrere Kurzgeschichten oder Gedichte aus, die er dann als Kopie der Gruppe austeilt. Drei Tage dauert die Ausbildung zum Faciliator in Liverpool, wobei die vom National Health Service finanzierte Charity Organisation inzwischen schon 150 feste Mitarbeiter hat – Tendenz rapide steigend.

„Die beiden Davis und der Teppich“ von Lydia Davis lautet der Titel der Kurzgeschichte, die Sommerfeldt zu lesen beginnt. Es geht darin um einen Teppich, „etwas schmutzig und an den Ecken eingerollt“ aus dem „Zimmer ihres abwesenden Sohnes“, von der sich eine Mrs. Davis nicht wirklich trennen kann, wodurch die Begierde ihres Nachbarn, eines Mr. Davis (auffällig derselbe Name), zunehmend angestachelt wird. „Wer möchte etwas zu dem Text sagen?“ fragt Sommerfeldt unvermittelt nach einigen Absätzen. Während einige der Frauen mit ihren Eindrücken lossprudeln, blicken andere Teilnehmerinnen unverhohlen skeptisch und konzentrieren sich auf die Tasse mit Kräutertee, die vor ihnen steht. Und dennoch merkt man, dass sie das Gelesene an sich ranlassen und beginnen, darüber nachzudenken.

Skurril – so erscheint der innere Konflikt der Mrs. Davis um ein Stück angestaute Materie und deren Wert bzw. Neubewertung. Doch schnell wird klar, dass die Zerrissenheit und das sich Nichtentscheiden- und Nichtloslassenkönnen der Protagonisten eine Metapher für etwas anderes ist. Doch für was?

Während eine der Leserinnen spontan eine Parallele zu Auseinandersetzungen zwischen ihrer Freundin und ihr sieht, da sie selbst sich nie entscheiden könne, fällt einer anderen Frau eine Erklärung aus der buddhistischen Lehre ein, die den diffusen Zustand beschreibt. Und so bringt jeder der Teilnehmer ein Stück eigenes gelebtes Leben ein. Ohne Scheu vor einer möglichen Blamage, ohne den Drang, gewählt und intellektuell erscheinen zu müssen. „Wer möchte weiterlesen?“ fragt Sommerfeldt schlicht und gleich zwei Interessenten melden sich.

P1030504-1Auf die Kurzgeschichte folgt das Gedicht „Die Nacht“ von Friedrich Hölderlin. Während in der Regel die Texte einer Lesesitzung miteinander korrespondieren, hat Sommerfeldt hier bewusst einen Kontrast gewählt – die Beschreibung der Nacht, der „Fremdling unter den Menschen“ als Gegensatz zum neurotischen inneren Monolog der Mrs. Davis und ihres Nachbarn.

Das „Shared Reading“ ist prozessorientiert und das Ergebnis offen. Das macht seinen großen Reiz aus. Lange sind die Zeiten her, in denen die Familien zusammensaßen und sich gegenseitig vorlasen. Viele Menschen kennen das gemeinsame Lesen nur aus der Schule oder der Universität. Nun sind es Fremde, die einen Text teilen – und damit ein Stück ihrer selbst. So einfach kann eine Wunderwaffe wirken…

 

Weitere Termine

16.05.16, 10.00 Uhr,  in der Amerika-Gedenkbibliothek

8.06.16, 16.00 Uhr und 16.06.16, 10.00 Uhr in der Berliner Stadtbibliothek

Zentral- und Landesbibliothek Berlin

Böhm & Sommerfeldt

 

 

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