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Alltag mit Ikonen – Design aus Dänemark

Affe
Fotos: Nick Strøger

„Wenn man Eiche und Buche dahat, benutzt man Eiche und Buche. Kein Hokuspokus“. Dieser Pragmatismus sei typisch für die Dänen, erklärt Thomas Dickson, Kurator der Ausstellung „Much More Than One Good Chair“, die bis zum 7. Juli im Felleshus der Nordischen Botschaften in Berlin zu sehen sein wird.

Die Tradition des modernen dänischen Designs sei wie ein uneheliches Kind, fügt der Designer und Designhistoriker hinzu, Vater unbekannt. Nach einem Mythos ­klingt Dicksons Aussage mitnichten. Ebenso wenig nach einer interdisziplinären, soziokulturellen Philosophie, wie sie etwa das Bauhaus entwickelte.

Holz, Leder, Textil, Seegras und Papiergarn

Vielmehr seien nach dem zweiten Weltkrieg in Dänemark die Materialien knapp gewesen und für den Import von teuren Rohstoffen und Maschinen keine Mittel vorhanden. Daher hätten die Möbelgestalter kurzerhand das genutzt, was im Übermaß vorhanden war: Holz aus den dänischen Wäldern sowie Leder, Textil, Seegras und Papiergarn.

Und ganz nebenbei hätten die Gestalter mit ihren soliden handwerklichen Kreationen die Ära eines Designs „made in Denmark“ eingeleitet, das längst internationales Ansehen genießt. Die Möbel etwa von Arne Jacobsen oder Steen Eiler Rasmussen erzielen bei Auktionen Rekordpreise, in den Designmuseen weltweit gehören dänische Designermöbel zu den Must Haves der Sammlungen.

Bereits der Titel der Ausstellung „Much More Than One Good Chair“ verrät die Intention Dicksons. Er bezieht sich auf ein Zitat des Designer Hans J. Wegner, der einmal geäußert haben soll, es sei sein Ziel, in seinem Leben wenigstens einen richtig guten Stuhl zu gestalten. Ein höchst bescheidenes Ziel. Grund genug für Thomas Dickson, Wegners Understatement einen Kontrapunkt zu setzen und den Besuchern der Nordischen Botschaften klarzumachen, dass dänisches Design für wesentlich mehr steht als für solide funktionelle Möbel.

„Eine Erzählung über uns“

„Die Ausstellung ist eine Erzählung über uns“ betont Birgitte Tovborg-Jensen, Kulturattaché der Königlich Dänischen Botschaft. Dabei sei es müßig zu fragen, ob der Volksgeist das Design geprägt habe oder umgekehrt. „Wer war zuerst da – der Schwan oder das Ei?“ lautet daher auch die Schlagzeile auf der Ausstellungstafel.

Die Schau ist in drei Perioden unterteilt, wobei diese – Zeitkapseln gleich – vom Berliner Büro Witthøft-Latourelle als Räume im Raum arrangiert wurden. Leuchtende Farben markieren die Inseln, die bewusst im Ikea-Baukasten-Prinzip kreiert seien, so Tovborg-Jensen. Und damit für spätere Ausstellungen wieder einsetzbar. Auch dies sehr pragmatisch und wohl auch ziemlich „dänisch“.

Die erste Periode bezieht sich auf die Jahre 1945–1968, in denen sich das klassische dänische Design entwickelte und Gebrauchsgegenstände zu Ikonen wurden. Ziel war es, Qualitätsmöbel zu erschwinglichen Preisen auf den Markt zu bringen. Der künstlerische Aspekt war eher zweitrangig.

Solide, erschwinglich, formschön

So waren es ausgerechnet die Möbel der Kooperative FDB-Møbler, dem Verband dänischer Konsumgenossenschaften, die Designgeschichte schreiben sollten. FDB hatte bereits 1942 den Möbelarchitekten Børge Morgensen (1914-72) als Chef für das Zeichenbüro eingestellt. Binnen kürzester Zeit entwarf er mit seinem Team eine vollständige moderne Möbelkollektion. Die Mittelklasse war begeistert von den ästhetisch ansprechenden und dennoch erschwinglichen Möbeln – und lebte ganz selbstverständlich mit diesen. „Dieser Stuhl stand bei meinen Eltern“ oder „Solch eine Lampe habe ich geerbt“ hört man immer wieder von den dänischen Ausstellungsbesuchern. So ist es auch nicht verwunderlich, dass die Botschaft viele der Produkte über eBay ersteigern konnte.

Nachdem Morgensen bei FDP ausschied, konnte dessen Nachfolger nicht an die Erfolge anknüpfen. Das Zeichenbüro schloss 1969, als zudem IKEA eine erste Filiale eröffnete. Da die Produkte viel billiger waren als die in den Manufakturen hergestellten Möbel, eroberte IKEA den Markt.

Doch Totgeglaubte leben länger: Seit 2013 sind die klassischen Holzmöbel von FDB wieder in ausgewählten Läden sowie im Webshop erhältlich.

Ebenso ein Dauerbrenner sind die Holztiere, die Kay Bojesen 1951 entwarf. Ein kleiner Affe aus Teak und Limba, der als Kleiderhaken fungiert, repräsentiert diese in der Ausstellung.

Neue Materialen setzen sich durch

Das hölzerne Äffchen findet ebenso seinen Platz wie die LEGO-Bausteine aus Plastik, die nicht nur in Dänemark in fast in jedem Kinderzimmer zu finden sind. Plastik zählt zu den Materialien, die sich in den Jahren zwischen 1968 und 1990 durchsetzten.

Zu den Klassikern aus dieser Zeit zählt auch Steltons Servierserie „Cylinda Line“ aus rostfreiem Stahl nach dem Entwurf von Arne Jacobsen, die stark vom Bauhaus inspiriert ist. Arne Jacobsen bestand darauf, die Serie industriell produzieren zu lassen, um sie so für jedermann erschwinglich zu machen.

„Wir überleben den Alltag und leben für das Wochenende“ lautete vor allem in den 1970iger und 1980iger-Jahren die Devise. Poppig, sorglos und farbenfroh feierte das Design das Leben. Von diesem Zeitgeist zeugt das „Phantom“ aus blasgeformtem Kunststoff von Verner Panton in schreiendem Orange, das vor allem für Teenagerzimmer gedacht und gleichermaßen als Stuhl, Sessel, Bank und Couchtisch zu verwenden ist.

Doch die Sorglosigkeit und hemmungslose Konsumfreude hielt nicht an, denn die ökologischen und geopolitischen Konsequenzen des westlichen Konsums hinterließen offenkundig ihre Spuren. Ein neues Bewusstsein war geweckt und Kriterien wie Nachhaltigkeit, und soziale Verantwortung rückten nicht nur in Dänemark verstärkt auf die Agenda. Die Digitalisierung ermöglichte dabei eine neue Herangehensweise an gestalterische Herausforderungen. „Laptops und Smartphones bringen die Menschen einander kontinuierlich näher, und wir lernen, dass Formsprache auch dazu dienen kann, grenz-, kultur- und geschlechterüberschreitende Herausforderungen zu überwinden,“ erklärt der Kurator.

Problemlösendes Design

Oft sind es ganz einfache Dinge, die dennoch für die Menschen, die es betrifft, eine große Erleichterung darstellen. Ein Insulinstift der Firma Novo Nordisk beispielsweise sieht aus wie ein formschöner Füllfederhalter, enthält jedoch die Spritzen, die der Diabetiker auf diese Weise diskret mit sich führen kann. Die App „Be My Eyes“ wiederum ist ein digitaler Service, über den der Benutzer per Video Menschen mit Sehbehinderung helfen kann, zu erkennen, ob etwa ein Verfallsdatum abgelaufen ist oder welche Medikamentverpackung die richtige ist. Per Video wird der User mit einem sehenden Vertreter des Netzwerks verbunden.

Eine weitere App erinnert Demenzkranke sowie ihre Angehörigen, wann Medikamente einzunehmen sind. Der Sportrollstuhl Cheetah von R 82 wiederum ist für aktive Kinder konzipiert. Die drei Räder ermöglichen es diesen, das Gefährt mit wenig Muskelkraft zu manövrieren. Das „Rennfahrzeug“ lässt sich erweitern und kann so mit dem Kind wachsen. Es sind solche Erfindungen, die das Leben ein ganzes Stück angenehmer machen. Wie auch die von Blinden entworfenen Kissen aus verschiedenen Stoffstrukturen, deren Reiz in erster Linie in der Haptik liegt.

Der Kurator und die Botschaftsvertreter seien sich stets einig gewesen über die Auswahl der Exponate, berichtet Birgitte Tovborg-Jensen. Mit einer Ausnahme. Der schiefe Stuhl von Rasmus B. Fex habe eine temperamentvolle Diskussion entfacht.

Der schiefe Stuhl von Fex

Während Thomas Dickson diesen als nicht repräsentativ ablehnte, da nicht die Funktionalität, sondern die Spielerei des Designers im Vordergrund stünde, argumentierte die Kulturrätin für das Exponat. Mit der Demontage des Archetypen eines Stuhls stelle sich Fex der Herausforderung, das Verhältnis von Funktionalität und Kunst auszuloten. Wie auch Wegner habe er „one good chair“ kreiert – jedoch vor dem Hintergrund seiner Zeit und des aktuellen ästhetischen Diskurses.

Schließlich setzte sich die „Fraktion“ der Kulturrätin mit ihrer Argumentation durch. Sehr undogmatisch und wohl sehr „dänisch“.

 

 

 

 

 

 

 

 

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