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Welches Gehäuse braucht die Kunst?

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© Fotos: Marcus Schneider

„Schneller, höher, weiter“. So entwickelt sich der Kunstmarkt. Was jene, die einen kommerziellen Maßstab anlegen, jubeln lässt, beobachtet Alexander Ochs seit vielen Jahren mit Skepsis. In seinem Impulsvortrag am 25. November in der Berliner St. Pius-Kirche zog Ochs eine ganz persönliche Bilanz, denn in diesen Tagen neigt sich die von ihm kuratierte Ausstellungsreihe „Sein.Antlitz.Körper“ dem Ende entgegen. Seit April fand diese in Berliner Kirchen und einer Synagoge, in Eisenach und in der Erlöserkirche in Jerusalem statt.

Stefan Kraus, Joachim Hake, Carina Linge, Georg Maria Roers
Stefan Kraus, Joachim Hake, Carina Linge, Georg Maria Roers

Die Kunst brauche „Entschleunigung“, so die Überzeugung des Ausstellungsmachers. Tatsächlich verweigert sich „Sein.Antlitz.Körper“ dem atemlosen Kunstbetrieb, in dem ein Hype den nächsten jagt und der seine Ware, Kunstobjekte, vertriebswirksam zur Schau stellt.

Doch wie ist Entschleunigung möglich? Unter dem Titel „Einfach zeigen. Orte der Kunst jenseits des Spektakels“ diskutierten Stefan Kraus, Direktor des Kolumba Kunstmuseums des Erzbistums Köln, die Leipziger Künstlerin Carina Linge sowie Pater Georg Maria Roers, Künstlerseelsorger des Erzbistums Berlin und Co-Kurator von Sein.Antlitz.Körper, dieses offenbar zunehmend virulente Thema.

Denn trotz des veranstaltungsreichen Adventswochenendes, des etwas abseits gelegenen Ortes und der frostigen Temperaturen füllten sich viele Kirchenbänke. Die Moderation übernahm Joachim Hake, Direktor der Katholische Akademie in Berlin e.V.

Kunstwerke sollen die „Geschichte von Liebe und Leidenschaft, von Kühnheit und Kreativität, von Ausdauer, Entbehrung und hin _dsc6935_marcus-schneiderund wieder auch von künstlerischem Erfolg“ erzählen, fordert Stefan Kraus. Damit die Werke ihre Kraft entwickeln könnten, müsse erst ein Kontext geschaffen werden. „Einem Ding wohnen 1000 Möglichkeiten inne“, so der Museumsleiter. Immerhin beherbergt sein Haus, 1853 als Diözesanmuseum Köln gegründet, eine Sammlung, die vom 1. Jh. nach Christus bis zur Gegenwart reicht. In einem Museum, das zweitausend Jahre abendländischer Kultur umspannt, ist der Kontext naturgemäß von ganz besonderer Bedeutung.

Wie die Sammlung so ist auch der Ausstellungsort ein spezieller. Der Kriegsruine der spätgotischen Kirche St. Kolumba mit der Kapelle „Madonna in den Trümmern“ (1950) und einer bedeutenden archäologischen Ausgrabung aus den Jahren 1973-1976 hat der Schweizer Architekt Peter Zumthor einen lichtdurchfluteten Neubau hinzugefügt, dessen Glaswände aus verschiedenen Perspektiven die Domstadt hineinwirken lassen.

Kraus findet die Gegenwartskunst in Kirchen „ganz besonders spannend“: „Es ist interessant, was die Kunst mit uns macht.“ Ein Kurator solle nicht theoretisieren, sondern einfach nur zeigen.

Künstlerin Carina Linge wünscht sich vor allem Menschen, die sich Zeit für das Gezeigte nehmen, die Arbeit betrachten und in den Dialog mit ihr gehen. Gelinge dies, sei es für sie „eine grandiose Ausstellung – egal wo“. Gleichzeitig wies sie auf die Diskrepanz hin, die heute zwischen der meist kargen künstlerischen Existenz und der oft opulenten Präsentation der Kunst bestehe. So hätten viele Künstler Probleme, sich finanziell über Wasser zu halten. „Die Musiker erhalten Geld, das Catering, der Wächter – nur der Künstler in der Regel nicht“. Sie könne an einer Hand abzählen, wie oft sie ein Ausstellungshonorar erhalten habe. Auch fehle vielen Kuratoren die Zeit, sich auf die Kunst wirklich einzulassen. Ebenso trügen die räumlichen Bedingungen oft nicht dazu bei, dass das Werk sich entfalte.

_dsc6898_marcus-schneiderLinges Foto-Arbeiten waren im Rahmen der Ausstellung „Tiere sehen dich an“ bereits in der Berliner Zionskirche zu sehen. Dort hätten sie eine so große Wirkung entwickelt, dass Alexander Ochs, Pater Roers und sie sich entschieden, die Werke auch in St. Pius zu zeigen. Ein geglücktes Experiment. Tatsächlich schaffen die Stillleben in dem dreischiffigen Gotteshaus gänzlich andere Konnotationen und Bezüge als in der Schau zuvor.

Für Pater Georg Maria Roers sind Kirchen besonders geeignete Orte, um zeitgenössische Kunst zu betrachten. Orte der Entschleunigung, geschaffen für spirituelle Erfahrungen, wie sie sich einstellen können, wenn man sich auf die Kunst wirklich einlässt.

So wie der Gläubige sein Ego zurücknimmt, um sich Gott zuwenden zu können, so verlangt auch das Kunsterleben einen von Zwängen und Zwecken entlasteten Raum.

„Zeitgenössische Kunst hat viel Kraft“, sagt der Pater. „Es ist immer wieder lohnend, sich mit ihr auseinanderzusetzen.“ Roers sieht sich in der privilegierten Situation, in seiner Betrachtung von Kunstwerken unabhängig zu sein: „Darauf lege ich viel Wert. Sonst könnte ich nicht auf die Leute zugehen“. Der Kontakt zum Künstler bahnt sich in der Regel über dessen Werke an. „Mir erschließen sich immer wieder neue Welten durch die Kunst. Dafür bin ich dankbar.“

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Alexander Ochs, Foto: Raphael Weichlein

Abschließend fragte Alexander Ochs danach, wie es denn nun weitergehe. „Welches Gehäuse braucht die Kunst?“ Neutrale Orte gäbe es nicht. Jede Umgebung verändere die Wahrnehmung, vielleicht auch Wertung von Kunst. Georg Maria Roers fand ein provokantes Beispiel dafür. An die Mitglieder der St-Pius-Gemeinde gerichtet, fragte er, wie sie es fänden, wenn in ihrer Kirche zum Beispiel ein Urinal gezeigt würde – in der Tradition der Readymades von Duchamp.

Die Antwort gab eine Frau aus der Gemeinde mit einem Gegenvorschlag. Auf den Begriff der Wanderausstellung rekurrierend, fragte sie, warum Kunst dann nicht auch in private Wohnungen und Häuser zu bringen sei. Kleine intime Ausstellungsformate als Weg der Zukunft?

Kraus sieht das pragmatisch: „Denkt nicht über das Gehäuse für die Kunst nach. Einfach zeigen.“

 

 

 

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