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„Man muss neue, utopische Institutionen vorbereiten“

breiviks_erklaerung
Thomas Müller

„Demokratie für alle und alles“ – das fordert die General Assembly, die vom 3. bis zum 5. November in der Berliner Schaubühne getagt hat. Stellvertretend für alle Akteurinnen und Akteure „welcher Art auch immer, die von der deutschen Politik betroffen sind, jedoch kein politisches Mitspracherecht haben“ waren 60 Abgeordnete aus aller Welt zusammengekommen, um das neu gewählte deutsche Parlament mit einer „Charta für das 21. Jahrhundert“ herauszufordern. Initiator der General Assembly, deren Abschluss und Höhepunkt heute, genau 100 Jahre nach dem „Sturm auf den Winterpalast“, im symbolischen Sturm des Reichstags bestand, ist der Schweizer Regisseur und Theaterautor Milo Rau.

IIPM/Nina Wolters

„Kriegsopfer, Arbeitsmigrant/innen, Wirtschafts- und Klimaflüchtlinge, die Opfer des sich anbahnenden Ökozids, die Kinder, die Ungeborenen und die Toten der Kolonialgeschichte – sie alle haben kein Mitspracherecht unter der Kuppel des Reichstags“, heißt es im Manifest des ersten Weltparlaments. Dabei versteht sich die General Assembly nicht nur als das erste Weltparlament der Menschheitsgeschichte. Erstmals wurden auch die Tiere und Dinge  einbezogen – von den Bienen der Provence über die Weltmeere und die Cyborgs.

Im Gespräch mit dem Sozialpsychologen Harald Welzer erläutert Milo Rau seine Vorstellungen von Demokratie und Partizipation.

Worüber wurde bei der Bundestagswahl nicht gesprochen, obwohl es entscheidend für die Zukunft ist, Herr Rau?

Zum Beispiel, wie unsere Güter produziert werden – und wie sie zu uns gelangen. Nehmen wir das im Kongo abgebaute Coltan oder Gold. Das EU-Parlament verabschiedet ein Gesetz, das sagt: Wir wollen keine Konfliktmineralien, wir wollen saubere Produktionsbedingungen. Das klingt erst mal toll, aber dann stellst du dem Rohstoffexperten der EU die Frage: Was heisst eigentlich ‚Konfliktmineral’? Und der antwortet ganz entspannt: Das ist ein Mineral, das wir nicht haben, das wir aber in Europa benötigen. Deshalb brauchen wir dieses Regulierungs-Gesetz, um die kongolesischen Produzenten zu kriminalisieren und die Rohstoffe zu billigstmöglichen Preisen nach Europa zu schaffen.

Das Gesetz soll den Zusammenhang zwischen Konflikten, Menschenrechtsverletzungen und unserem Konsum von Alltagsgütern prüfen?

Genau, das ist der moralische Anspruch. Aber in Wahrheit ist es ein imperiales Monopolgesetz: denn das Label „sauber“ kriegen nur die europäischen Multis. Die kongolesischen Klein-Produzenten haben keine Lobby im EU-Parlament. Das ist so, als würde das ZK der chinesischen Kommunistischen Partei Ethik-Gesetze verabschieden für die deutsche Autoindustrie, VW schliessen lassen und dann chinesische Autos importieren. Das klingt völlig absurd, für die Kongolesen und riesige Weltteile ist das jedoch Alltag. Und diese Lobbylosen nennen wir in unserem Welt-Parlament den globalen Dritten Stand. Bei der Französischen Revolution hat man gesagt: 95 Prozent der Einwohner dieses Landes sind nicht im französischen Parlament. Das ist der Dritte Stand, die Nation. Und diese absolute Mehrheit, die alle Güter produziert, braucht eine Lobby. Die muss im Parlament repräsentiert sein.

Sie haben das Kongo Tribunal veranstaltet und planen nun im Theater ein Welt-Parlament. Das ist eine neue Dimension politischer Kunst.

Wir haben das Zeitalter der Skandalisierung verlassen, in dem wir Künstler sehr lange festsaßen. An die Stelle der Kritik der Gegenwart tritt der symbolische Entwurf des Zukünftigen. Skandalisierung nutzen wir allenfalls noch als Gewürz, um etwas Schärfe reinzubringen. Aber im Grund stehen wir am Beginn einer Epoche der Institutionalisierung: der Schaffung symbolischer Formen, symbolischer Praktiken und Solidaritäten.

Aber warum tun Sie das eigentlich? Warum ziehen Sie sich nicht auf die alte Künstlerposition zurück und sagen einfach: Ich habe keine Lösungen, ich habe nur Fragen.

Der Planet kann sich diese lauwarme Bequemlichkeit nicht leisten. Ich bevorzuge deshalb das brechtianische Künstlermodell: Der Schüler fragt, der Lehrer antwortet. Weil: Die Fragen, die Probleme sind ja da. Wir brauchen jetzt Antworten. Man kann sich irren, aber es geht darum, es zu versuchen. Die postmoderne Vernunft gefiel sich 60 Jahre darin, Institutionen zu hinterfragen, sie zu dekonstruieren. Ich glaube aber, das reicht nicht mehr. Man muss ausserhalb der Herrschafts-Institutionen neue, utopische Institutionen vorbereiten, die dann da sind, wenn die aktuellen zusammenbrechen. Und das werden sie im Lauf der nächsten Generation.

Wie meinen Sie das konkret: Das Theater soll fehlende Institutionen ersetzen?

Ein Theaterabend kann drei Stunden dauern, drei Tage oder drei Wochen – und dann bin ich drei Stunden, drei Tage oder drei Wochen in einer möglichen Institution: einem Gericht, einem Tribunal, einem Parlament. Das Theater ist eine symbolische und zugleich totale Institution – jedoch nur, solange es dauert.

Mit dem Kongo Tribunal haben Sie die die globalen Rohstoffkonflikte und die Ausbeutung der kongolesischen Menschen verhandelt.

Was nicht darstellbar ist, ist nicht denkbar, und das Kongo Tribunal hat etwas real gemacht, was vorher nicht einmal in den verrücktesten Träumen vorstellbar war. Der Rebell stand hier wirklich dem Minister gegenüber, der Schürfer dem Konzern-Manager, und hinterm Richter-Tisch sassen Anwälte aus dem Kongo und Den Haag. Und plötzlich sagen die Leute: Ach so, man kann die anklagen, man kann jemand aus Den Haag einfliegen lassen, man kann lokales Bodenrecht und internationales Menschenrecht kombinieren. Und plötzlich versteht man: Das geht ja! Und so bekommt man, nach und nach, eine neue, realistische Wahrnehmung und Empfindung von dem, was global läuft und möglich ist. Auf welcher Deutungs- und Solidaritätshöhe wir der globalen Wirtschaft begegnen müssen.

Es geht am Ende aber keiner ins Gefängnis.

Nein. Aber zwei Minister wurden entlassen, und die Aktien der angeklagten Goldfirma BANRO fielen um mehrere Prozentpunkte. Was geschah also im Kongo Tribunal? Es wurden Realitäten in einem artifiziellen Rahmen geschaffen, den es vorher als Institution noch nicht gab. Im Vorfeld sagte uns ein Rechtsprofessor: Ja, aber welche staatlichen und politischen Akteure sollen das denn umsetzen? Wer sorgt für die Rechtsfolge? Wir sagten: Das ist nicht unsere Aufgabe zu sagen, wer das auf Dauer stellt. Wir zeigen, wie es gemacht wird. Machen muss es dann die Menschheit.

Milo Rau, Foto: Hannes Schmidt

Die Lobbylosen von heute bekommen also in Ihrem Weltparlament eine Lobby. Und was passiert dann?

Es geht darum, nach 60 Jahren Manöverkritik wieder in utopische Bewegung zu kommen. Es gibt ja zwei apokalyptische Reiter, die in Deutschland gepeitscht werden, bis sie irgendwann den Geist aufgeben werden: der eine ist der Moralismus, der andere der Alarmismus. Es geht darum, diese beiden Gäule nun endlich mal in Rente zu schicken und einen globalen Realismus zu entwerfen.

Das heißt?

Globaler Realismus will klären, wie man lokale und globale Probleme miteinander verschaltet. Ganz real und pragmatisch. Zum Beispiel, CO2-Ausstoß runter drehen, was heißt das denn? Darf der Kongo keine Industrie aufbauen oder stellt die Alte Welt ihre Industrie jetzt mal hundert Jahre ab, weil der Kongo dran ist? Wir versuchen nun, Institutionen zu schaffen, in denen all diese Paradoxien verhandelbar werden, und zwar unter Einbezug aller Betroffenen. Es geht um ein internationales Wirtschaftsrecht, um ein internationales Völkerrecht und Strafrecht, das mit den lokalen Gegebenheiten rückgekoppelt ist. Und dabei merkt man ständig: Ach, das ist ja gar nicht so einfach. Der Einbau eines Kohlefilters zum Beispiel ist in der Logik der Ersten Welt eine Lösung, aber in der Dritten denkst du plötzlich: Was machen die denn da? Warum baut man nicht erstmal eine verarbeitende Industrie bei uns auf?

 

Sie gehen davon aus, dass wir in eine Phase eintreten, die man analog zur Zeit vor der Französischen Revolution formulieren kann? Wir Europäer sind Teil der Aristokratie. Es gibt einen globalen Dritten Stand, internationales Subproletariat, Menschen, die migrieren und flüchten müssen. Norbert Elias würde das so beschreiben, dass wir ein neues Syntheseniveau erreichen, was aber genau die gleichen Probleme aufwirft, wie die, die im Westen bereits im frühindustrialisierten 18. Jahrhundert aufgekommen sind. Richtig?

Absolut. Mit der Revolution des Dritten Standes in Frankreich beginnen das nationale und das imperiale Zeitalter. Nationen müssen plötzlich Absatzmärkte und Rohstofflieferanten woanders finden, die Nationen werden zu kapitalistischen Schicksalsgemeinschaften. Das ist das damalige Syntheseniveau: Der Merkantilismus wird plötzlich internationaler Finanzkapitalismus. Und plötzlich werden gewaltige vereinheitlichte Märkte geschaffen, Monster-Fabriken, Frankreich ist ja riesig für die damalige Zeit.

Und was heißt das heute für den Kongo?

Was die Ressourcen angeht, sind wir an einem ganz anderen Punkt als im 18. Jahrhundert. Der Kapitalismus ist in seiner Endphase, nachhaltige Industrialisierung kommt für ein Land wie den Kongo gar nicht mehr in Frage, dafür hat man keine Zeit mehr. Deshalb ist es so verlogen, wenn man in Bezug auf den Ostkongo von Industrialisierung spricht: Die Kongolesen werden einfach auf industrielle Weise enteignet – Zynaid in den Boden, raus mit dem Gold und Tschüss. Wir haben heute imperiale Räume und Räume außerhalb der Imperien, das ist das Problem. Ende der 1950er, Anfang der 1960er dachte man vielleicht noch, diese Räume zusammenschließen zu können. Es gab gewaltige Industrie- und Bildungsprogramme für die Dritte Welt. Das ist vorbei. Man weiß, es wird ökologisch nicht mehr gehen, der Planet hat die Ressourcen nicht mehr, es ist zu spät. Die Kongolesen werden uns in dieser Season der Menschheitsgeschichte nicht mehr einholen. Damit haben wir abgeschlossen, das ist der fatalistische Zug unserer Zeit.

Was folgt für Sie daraus?

Man muss die näher kommende Katastrophe verlangsamen und gerecht organisieren. Wir müssen gewissermaßen für die nächste Season der Menschheitsgeschichte Parallelstrukturen schaffen, um vorbereitet zu sein, wenn die tot gelaufenen Strukturen der Alten Welt wegfallen.

Stimmt es denn, dass der Kapitalismus in seiner Endphase ist, das war er doch schon bei Adorno?

Ja, klar. Ich habe bei Wolfgang Streeck den Satz gefunden, dass der Begriff Kapitalismus gleichursprünglich ist mit der Ankündigung seines baldigen Todes. Dass der Kapitalismus stirbt, gilt also schon, seit es ihn gibt. Eine bald 200jährige Agonie.

So wie Sie drauf sind, würden Sie bei der Bundestagswahl gar keine Partei wählen?

Ich würde die wählen, die mir am nächsten sind. Da gibt es aber inhaltlich eigentlich keine. Was es gibt, sind Freundschaftsbeziehungen in die Linke und zu den Grünen, und da gibt es auch den einen oder anderen Konsens in globalen Fragen. Die gleiche Frage stellt sich mir in der Schweiz auch, da lande ich bei den Sozialdemokraten, die dort eine andere Struktur haben und nicht so degeneriert sind wie die SPD in Deutschland.

Was halten Sie vom Gerechtigkeitspathos der Linkspartei und der SPD?

Der Dritte Stand hierzulande ist ins Kleinbürgertum abgesunken, das jenseits seiner Spendenseligkeit über kein globales soziales Bewusstsein verfügt. Warum auch? Für die Europäer kann es ja nur schlechter werden. Es gibt den Dritten Stand aber außerhalb Europas, weil die Weltwirtschaft ohne Proletariat nicht funktioniert, also ohne all die, die die Sachen, die auf wundersame Weise in unsere Regalen zu Billigstpreisen auftauchen, anpflanzen, ernten, abbauen. Die sind nicht mehr hier, die sind jetzt da, im Kongo, in Lateinamerika, in China – unser eigenes Proletariat wird mindestversorgt und langweilt sich zu Tode.

Ihr Manifest des zynischen Humanismus wirft Europäern einen völlig indiskutablen Gerechtigkeitsbegriff vor.

Die Idee der Gerechtigkeit wird im Zynischen Humanismus partikularisiert, in den Rahmen eines Kontinents, eben des europäischen reingepresst. Wenn wir zur Klassen- bzw. Ständefrage zurückkommen: Früher hatte man ein vertikales Mitleidsempfinden, das sich durch die Schichten hindurch universalisierte. Im Theater taucht im 18. Jahrhundert plötzlich der Kleinbürger als fühlendes Wesen auf, im 19. Jahrhundert dann der Proletarier. Den gab’s vorher nicht in diesem Format der öffentlich-medialen Wahrnehmung. Bei Lessing haben plötzlich die Kleinbürgermädchen geweint, und bei Ibsen, 100 Jahre später, haben sie politische Ansichten. Und hier kommt Hoffnung auf: Denn die aktuelle Theatergeschichte ist voller Anzeichen, dass sich in der Ausdehnung des Weltgeistes etwas vorbereitet. Dass so etwas wie eine Horizontalisierung der dramatischen Empfindsamkeit stattfindet, dass sich ein globaler Realismus vorbereitet. Und das ist irreversibel. Die Schichten, die ins Theater reingerutscht sind, die zu dramatischen Figuren wurden, sind nie wieder rausgerutscht.

 

Sie haben in Ihrem Stück Mitleid den Flüchtling reingeholt.

Genau, als ich Mitleid schrieb und den Begriff des Zynischen Humanismus benutzte, waren plötzlich Flüchtlinge ein Thema. Zuerst auf einer paternalistischen Moralebene, dann wurde der Flüchtling zu einer Figur, die einfach da war und die dablieb. Das wurde zur täglichen Figur, zur Erfahrung. Im Kosmos der Figuren ist da jetzt eine mehr: der Flüchtling. Ich sage voraus, dass die auch in 20 oder 50 Jahren noch da sein wird. Das ist keine Mode.

Und bedeutet was?

Die Frage ist: Wie wird sich die Empfindsamkeit verändern, wie wird sie sich politisieren? Das Kleinbürgermädchen darf im 18. Jahrhundert bei Schiller eigentlich nur weinen, bei Ibsen hält sie dann politische Reden, bei Jelinek mordet sie. Diese Ausweitung und Politisierung der Wahrnehmung der Welt ist die Aufgabe der realistischen Generation. Es geht darum, sie mit Modellstücken voranzutreiben: Welche Apparate holen diese Figuren aus der Opferperspektive heraus in die politische Sphäre?

Die Aristokratie deliriert sich an ihren identitätspolitischen Fortschritten – und blendet den globalen Rest aus?

Das denke ich überhaupt nicht. Nur weil man plötzlich mit der Klassenfrage einen tatsächlichen Hauptwiderspruch entdeckt hat, bleiben die Nebenwidersprüche doch relevant. Dieses Bashen der Identitätspolitik von linker Seite nervt mich, auch wenn es natürlich das normale Verhalten frisch Bekehrter ist: die besonders strengen und damit besonders vulgären und brutalen Kommunisten waren ja die, die erst nach dem siegreichen Ende des Bürgerkriegs in die Partei eingetreten sind, als Kommunismus Common Sense war. So ist das bei jeder intellektuellen Mode oder Bewegung. Bei Didier Eribon, um beim Hauptfetisch unserer heutigen Hobby-Marxisten zu bleiben, geht es in Wahrheit ja auch immer darum, dass er schwul ist und das politisiert. Da bin ich absolut gleicher Meinung: Es gibt eine Gleichzeitigkeit von Kämpfen, die man in ihrer Gleichzeitigkeit akzeptieren muss, ohne sie hierarchisch zu ordnen. Was man finden muss, sind die Bezüge. Und das ist auch das Ziel unseres Welt-Parlaments: Horizontale Grenzen zu überwinden, aber darüber hinaus auch Zeittiefe in Vergangenheit und Zukunft herzustellen. Gleichzeitigkeiten, Solidaritäten über Zeit und Raum hinweg zu erobern und zu politisieren.

Trotzdem: Das Homo-Adoptionsrecht als emanzipatorische Gerechtigkeit beschäftigt die Gesellschaft, nicht aber die damit zusammenhängenden verdeckten Herrschaftsverhältnisse, etwa eine ukrainische Leihmutter.

Wie gesagt: Die einzige Lösung ist die Ausweitung des Blickwinkels und dessen Politisierung. Weil bezahlte Leihmutterschaften bei uns verboten sind, wird das ausgelagert. Nicht mal nach Afrika, nicht mal in die Ukraine, sondern nach Spanien, nach Griechenland. Fürs Weltparlament sind wir mit mehreren Leihmüttern aus diesen Ländern in Kontakt, denn es geht darum, Menschen, die nicht im Fokus stehen, eine Stimme und politische Macht zu geben. In Peru gibt es diesen Bergbauern, der unter einem Gletscher lebt und RWE verklagt hat, weil der Gletscher aufgrund der Klimaerwärmung bald abstürzen wird. RWE hat einen Anteil von 0,5 Prozent an den globalen CO2-Emissionen und soll deshalb 0,5 Prozent der Katastrophe bezahlen. Und darum geht es, um Realitäten. Denn erst in dem Moment, in dem es in Deutschland kriminalisiert wird, wenn man einen Gletscher in Chile indirekt zum Einsturz bringt, wird es verhandelbar.

In Ihrem Weltparlament soll die repräsentative Öffnung noch weiter gehen. Die Dinge, die nichtmenschlichen Akteure, aber auch die Toten und Ungeborenen sollen in der General Assembly vertreten sein. Wie verleiht man dem Wasser, der Ozonschicht, den Bienen, den Toten des Kautschuk-Genozids im Kongo Anfang des 20. Jahrhunderts eine Stimme?

Das Problem ist ja einmal mehr nicht das fehlende Wissen. Wenn man eine Sitzung im deutschen Parlament verfolgt, dann ist eigentlich ständig von den kommenden Generationen, von der Umwelt, von den Tieren, von der Bewältigung vergangener Massenverbrechen und der Zukunft die Rede. Unter der Glaskuppel des deutschen Bundestags herrscht eine extreme Zeittiefe, aber eben bloß rhetorisch. Es gibt keine parlamentarische Lobby für die oben genannten Kategorien, die wollen wir schaffen. Denn angesichts der Tatsache etwa, dass in den letzten 20 Jahren 80 Prozent der Biomasse der Insekten verschwunden ist, müssten wir ja im Kreis rennen vor Entsetzen. Der Grund, warum wir das nicht tun, ist sehr einfach: Weil jeder über, aber niemand für die Bienen spricht, ist ihr Da- oder Weg-Sein keine Kategorie, die politisierbar wäre. Dabei sind die Maßnahmen, die das Insektensterben stoppen würden, wissenschaftlich bekannt. Das ist der Kern der Verrücktheit unserer Zeit: Wir haben uns derart an die Beschränktheit des politischen Raums und damit unserer Handlungsfähigkeit gewöhnt, dass wir dauernd Dinge als unabwendbar ansehen, die es in keiner Weise sind. Das deutsche Parlament ist wie Kafkas Schloss: Für alles, worauf es wirklich ankommt, gibt es keinen Zutritt.

War der ganze Bundestagswahlkampf ein Ablenkungsmanöver für Sie?

Der deutsche Bundestag ist kriminell in dem Sinn, dass nicht einmal 5 Prozent der von seiner Politik Betroffenen darin vertreten sind. Egal, wie gut ein Regulierungsgesetz gemeint sein mag: Es wird von der deutschen Wirtschaft und ihrer Lobby so angepasst, dass es sich ins Gegenteil verkehrt. Vor allem aber: Unsere Parlamentarier sind dem Nationalstaat verpflichtet. Sie sind damit rein strukturell Opfer des Widerspruchs zwischen globaler Wirtschaft und Nationalstaat. Ob sie nun Linke oder Grüne oder Konservative sind, da stecken sie alle drin und kommen nicht raus. Diese Leute machen völlig selbstverständlich Gesetze, die Griechenland oder Zentralafrika ruinieren. Und da stellt sich die Frage, ob die politischen Unterschiede zwischen den Parteien noch von Belang sind.

Ja, und?

Unter revolutionärer Perspektive: Nein. Denn wenn jemand dieses System, in dem globale Entscheidungen nationalstaatlich gefällt werden, abschaffen will, dann gibt es seit den 1950ern keine Partei mehr für ihn. Der Systemwechsel als programmatisches Ziel ist ja seit dem KPD-Verbot nicht mehr erlaubt.

Das ist ein systematisches Problem?

Ja. Meine Hoffnung ist deshalb das erste, eigentlich methodologische Treffen der General Assembly im November. Da fragen wir: Wie universal kann ein Antrag sein, dass er im Weltparlament beschlussfähig wird und nicht von lokalen Probleme überdeckt wird? Wie hängt Globales und Lokales strukturell zusammen? Man würde denken, dass das etwa bei Waffenexporten klar ist. Ist es aber nicht: Im Nordirak, wo ich oft unterwegs bin, wurde mit Heckler & Koch etwa der Vormarsch des IS aufgehalten, zugleich aber das Gebiet der Kurden auf Kosten des irakischen Staates ausgedehnt. Im Weltparlament haben wir also zwei Lobbys, die eine findet Waffenexporte super, die andere scheiße. Das sind unauflösbare Antagonismen, und deshalb brauchen wir endlich einen Apparat, der diese Fragen bearbeitet, Lösungsansätze anbietet und beginnt, die Leute an die konsequente Politisierung solcher Paradoxien zu gewöhnen. Kulturelle Fragen nehmen wir übrigens aus dem Weltparlament fast völlig raus, aus methodologischen Gründen: sie sind nicht sinnvoll universalisierbar. Insofern machen wir im Weltparlament genau das Gegenteil der aktuellen imperialen Politik Deutschlands oder der EU. Dort werden kulturelle Fragen – etwa die Bedeutung der Religion im Staat – globalisiert, aber ökologische Probleme – etwa der abrutschende Gletscher in Peru – lokalisiert. Das ist vollkommen widersinnig.

Was meinen Sie konkret?

Ich meine einen Widersinn, der im Grund noch viel weitergeht als in diese seltsame Verwechslung von lokalen und universalen Fragen. Ethnologen nennen es die Adoleszenzkrise der Menschheit: Wir haben das Gefühl, immer mehr zu wissen und immer schneller zu handeln – in Wahrheit findet aber eine Einschränkung, fast Lähmung unserer Entschlussfähigkeit statt. Wie Teenager sitzen wir unbeweglich und lethargisch in unseren Zimmerchen, in unseren Köpfen aber rasen die Gedanken. Die technische Entwicklung hat unseren Willen gelähmt und unsere seelischen und sozialen Algorythmen völlig ins Ungleichgewicht gebracht. Auch in einer Mine im Kongo ruft der eine heute den anderen 20 Mal an, um zu sagen, dass er gleich kommt oder doch nicht gleich kommt oder jetzt doch gleich kommt. Und am Ende passiert gar nichts.

Das zeigt, dass die Universalisierung der kulturellen Form auch die Minenarbeiter im Kongo beteiligt. Während die Universalisierung materieller Teilhabe eben nicht stattfindet. Dafür haben auch die linken Parteien keine Lösung. Vielleicht bedarf es einer anderen Formatierung des Gerechtigkeitsproblems?

Es ist, als würden wir von den technischen Apparaten in einer totalen Gegenwart festgehalten, während der Planet in den Untergang rauscht. Insofern bin ich auf der Seite von allen, die die Handlungsfähigkeit der Individuen und zivilgesellschaftlichen Akteure wieder wachrütteln wollen. Viele, mit denen ich im Kongo eng zusammenarbeite, sind nach politischen Begriffen rechtsliberal. Weltanschaulich passt das überhaupt nicht zu meinen Überzeugungen, aber politisch-strategisch machen diese Kollaborationen Sinn. Da geht es um Nationalisierung, um Aufteilung in verwaltbare Einheiten, eine langsam aufgebaute Form lokaler Subsistenzwirtschaft, um Mikrokredite und, in klar abgegrenzten Bereichen, sogar um Zusammenarbeiten mit Playern wie der Weltbank. Denn bei aller Zuversicht, was die allmähliche Legitimation neuer internationaler Institutionen durch eine kontinuierliche Anwendung betrifft: Die Hauptmacht liegt ja im globalen Kapitalismus immer bei den Kapitalverhältnissen: bei den Finanzmärkten, den großen Fonds usw.

Da klingt wie Abkopplung?

Ja. Aber wenn der Kongo seine Rohstoffe nicht nutzt, um eine eigene Industrie aufzubauen, dann sehe ich schwarz für dieses Land. Hegel sagt bekanntlich, Afrika habe keine Geschichte. Ökonomisch stimmt das: die afrikanischen Länder sind im aktuellen Finanzkapitalismus nichts weiter als Nebenschauplätze in der Geschichte Europa und der USA. Mein alter Freund Jean Ziegler und ich sprechen oft über Regulierungsgesetze, und Jean findet sie toll, weil er ans Konzept des Weltbürgers glaubt. An ein Einsehen der Europäer, an die Zärtlichkeit der Völker. Aber wenn du dich zwei Jahre mit dem Ostkongo beschäftigst, siehst du, dass es in der Welt, wie wir sie leben, nicht einmal den Ansatz von Zärtlichkeit zwischen Erster und Dritter Welt gibt. Wir Europäer brauchen etwas, das die Kongolesen haben, und deshalb müssen wir es ihnen wegnehmen. Punkt. Sie sind die Ukraine, und wir sind Hitlerdeutschland. Da hilft nur Selbstverteidigung.

In Ihrem Manifest zur Überwindung des Zynischen Humanismus empfehlen Sie Menschen, die sich für engagiert halten, zu erkennen: Ich bin auch nur ein Arschloch. Warum?

Das ist wie bei den anonymen Alkoholikern: Es geht darum, eine Basis zu finden, auf der man ehrlich miteinander umgehen kann. Indem man anerkennt, dass wir trotz aller Pseudoregulierungsgesetze und guten Absichten in einer ungerechten Welt die Gewinner sind, kann man über Lösungsansätze nachdenken. Und der Gewinner ist immer das Arschloch, genau wie der Boss immer das Arschloch ist. Das muss man einfach mal laut sagen: In der Welt, wie sie ist, sind wir Europäer die Arschlöcher, und zwar durch Geburt. Das ist höchst unerfreulich, aber leider ein Fakt.

Wenn Sie mir sagen, dass ich ein Arschloch bin, denke ich nicht: Vollkommen richtig, ich bin ein Arschloch. Ich denke, Sie sind ein Arschloch.

Milo Rau: Ich will ja nicht geliebt werden für das, was ich sage. Wir sind die Generation vor der Revolution, vor den grossen Veränderungen. Wir sind in einem funktionierenden Ausbeutungskapitalismus aufgewachsen, und im Grund nehmen wir an, dass es so immer weitergehen wird. Gefangen in der Alten Welt, zu der wir gehören, haben wir keinen Sinn für das, was kommen wird. Kommende Generationen werden einmal voller Verwunderung und Ämusement, aber auch mit viel Verachtung und Fassungslosigkeit auf uns zurückblicken.

 

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