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Make your own Erwin Wurm

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Erwin Wurm, One Minute Sculpture, 1997, © Erwin Wurm, VG BILD-KUNST Bonn, 2016

Gegenstände, verschiedenes Mobiliar oder Bücher sind auf flachen Podesten platziert. Objekte, oder besser Readymades, die durch die hinzugefügten, handgeschriebenen Handlungsanweisungen des Künstlers Erwin Wurm mehr zu sein verheißen und vor allem mehr fordern, denn sie fordern den Betrachter heraus. Erst durch ihn kann eine Skulptur von Erwin Wurm entstehen, eine „One Minute Sculpture“. Die verschiedenen Objekte bilden den äußeren Rahmen, sind Attribute der Handlungsanweisungen, die Welt für eine Minute aus anderer Perspektive zu betrachten.

Be a One Minute Sculpture

In der großen Treppenhalle der Berlinischen Galerie kann dieser Perspektivenwechsel derzeit in der Ausstellung „Bei Mutti“ von Erwin Wurm vielfach und lustvoll erprobt werden. Die in Kinderschuhen erlernten Benimmregeln für den Museumsbesuch müssen dabei allerdings ad acta gelegt werden, Aktion ist gefordert und so wird der Betrachter kurzerhand zum Akteur auf kleiner Bühne bis er in das Stadium Skulptur-zu-sein übertritt und hier eine Minute als, wenn auch niedrige, Sockelfigur verweilen kann. „Wenn der Betrachter die Skulptur nach meinen Anweisungen realisieren will, muss er diese auch so ausführen, wie es dasteht, sonst ist es zwar irgendetwas – aber keine Skulptur von mir.“ So beschreibt Erwin Wurm den notwendigen Umgang mit seinen „One Minute Sculptures“. Ein partizipativer Handlungsvorgang also, der jedoch den respektvollen Gehorsam fordert, um nicht zum Klamauk zu degradieren. Das klingt nach Widerspruch, ist aber doch Voraussetzung des Partizipativen: Die Übereinstimmung aller Beteiligten auf jeweilige Rahmenbedingungen mit dem wichtigen Habitus, zweckfrei und nicht zielorientiert zu sein. Ob eine „One Minute Sculpture“ gelingt, ist entsprechend offen und das Scheitern als eine Möglichkeit implizit.

Erwin Wurm, Confessional (One Minute Sculpture), Berlinische Galerie 2016, © Erwin Wurm, VG Bild-Kunst Bonn, 2016, Foto: Amin Akhtar
Erwin Wurm,
Confessional (One Minute Sculpture), Berlinische Galerie 2016,
© Erwin Wurm, VG Bild-Kunst Bonn, 2016, Foto: Amin Akhtar

Körperliche Herausforderungen gehören hierbei zum Konzept des Künstlers: Während sich der Bildhauer an seinem Material abarbeitet, kämpft der Betrachter hier mit den Attributen und dem Einnehmen der geforderten Positionen. „Auf Tennisbällen liegen. Kein Körperteil berührt den Boden. Eine Minute liegen bleiben… an nichts denken“. Schnell ist durchschaut, dass diese Instruktion unmöglich alleine zu realisieren und die Hilfe einer weiteren Person nötig ist. 18 Tennisbälle wollen gut platziert sein, um den gesamten Körper auf ihnen zu balancieren. Die zumeist körperaffinen Handlungsanweisungen zwingen indirekt zur „Teamarbeit“, wodurch sich wiederum die Tragikkomik des Akteurs in seinem Bemühen relativiert. Denn zu zweit liegt schnell der Fokus auf dem gemeinsamen Dritten, in diesem Falle das Gelingen einer „One Minute Sculpture“. Überhaupt scheint dank der Omnipräsenz der Smartphone-Kameras und der unersättlichen Neigung zu Selfies der psychologische Druck zur Überwindung eines Regelbruchs oder exhibitionistischer Scham eher gering. Für ein richtig lustiges Foto tut mancher einiges.

Das war Ende der 1990er Jahre ganz sicher noch anders. In dieser Zeit formulierte Erwin Wurm für sich den Skulpturenbegriff radikal um. Weg von Statik, Materialität, Ewigkeitsanspruch und dem Begriff des Originals untersucht er seitdem das Verhältnis vom Körper zum Raum, zu Objekten sowie gesellschaftlichen Regeln und auferlegten Doktrinen oder Idealen. Der Bezugspunkt ist immer der menschliche Körper als Vertreter des psychologischen Subjekts. Er ist das Material und wird durch die Körpererfahrung mit Hüllen, z.B. Kleidung, Haut, oder Attributen zur Skulptur. Dieser handlungsorientierte, entmaterialisierte Skulpturenbegriff, den Künstler wie Joseph Beuys, Gilbert & George und insbesondere Franz Erhard Walther bereits mit jeweils anderen Schwerpunkten definierten, wird von Wurm weiter geführt. In diesem kunstgeschichtlichen Bewusstsein zollt er in „Make your own Franz Erhard Walther“ mit einem Augenzwinkern den Respekt für den Kunstpapst, der als einer der Ersten sich selbst und das Publikum als an Objekten partizipierendes bildhauerisches Material einsetzte.

Hinter den skurrilen, humorvollen und wiederholbaren „One Minute Sculptures“ verbirgt sich so ein ernsthaftes Anliegen. In den Referenzsystemen von Kunstgeschichte, Philosophie, Religion und Gesellschaft hält Erwin Wurm uns oft wortwörtlich den Spiegel alltäglicher, daher umso unbewusster, Handlungen, Gewohnheiten, Kodierungen oder gesellschaftlicher Neurosen vor. Kritisch-böse etwa hinterfragt Erwin Wurm den insbesondere in Österreich, wo er seit 1954 aufwuchs, vorherrschenden Katholizismus, wenn er in „Confessional“ eine Hundehütte zum Beichtstuhl deklariert, in die zwei Personen bäuchlings auf dem Boden liegend ihre Köpfe stecken und sich konspirativ über ihre Sünden austauschen. In „Take your most loved philosophers“

Erwin Wurm, Open your trousers, put flowers in it and don’t think ... (One Minute Sculpture), 2002, © Erwin Wurm, VG BILD KUNST, Bonn 2016,
Erwin Wurm,
Open your trousers, put flowers in it and don’t think … (One Minute Sculpture), 2002,
© Erwin Wurm, VG BILD KUNST, Bonn 2016,

nähert sich hingegen der Betrachter rein physisch der gedanklichen Schwere der Philosophie an, indem er sich die Bücher zwischen Arme und Beine klemmt. Weiter sind hierzu die „Instruktionszeichnungen“ und die zeichnerische Arbeit „Konfektionsgröße 50 zu 54 in acht Tagen“ erhellend und bereichernd. Die Handlungsanweisung beispielsweise, wie man sein Gewicht in acht Tagen um vier Konfektionsgrößen steigern kann, treibt die Ironie auf die Spitze und konterkariert jegliche Ideal-, Optimierungs- und Normdoktrinen unserer Gesellschaft. Kann man in den Zeichnungen den partizipativen Charakter einer möglichen Realisierung zumindest noch gedanklich durchspielen, widersprechen die neueren Skulpturen von Erwin Wurm diesem Charakter vollends und sind hermetische Originale mit dem Schild an der Seite „Bitte nicht berühren!“. Schade!

Zurück zu Smartphones, Selfies, facebook, Instagram und Co.: Im Internet gibt es seit geraumer Zeit verschiedene Communities, zum Teil wahre virtuelle Wurm-Fanclubs, die die partizipativen Aktionen fortführen. Beweis und Relikt der Aktion ist das Foto (auch Wurm hatte seine „One Minute Sculptures“ fotografiert), das hier oft selbst nachfolgend als Handlungsanweisung fungiert. Ob all diese Aktionen die gleiche brisante und feinfühlige Ambivalenz wie die „One Minute Sculptures“ beinhalten und erzeugen, sei dahingestellt. Der Hinweis und Blick aber auf den virtuellen Raum, in dem auch Körper und Körperlichkeit im Verhältnis anders zu definieren sind, veranlasst Erwin Wurm vielleicht doch, seinen Skulpturenbegriff weiter zu denken und auszudehnen anstatt sich in den tradierten Gattungsbegriff zurückzuziehen. Potenzial für äußerst spannende Fragestellungen und gesellschaftliche Spiegelungen gäbe es genug.

Zu empfehlen ist diesbezüglich der Artikel der Kunstwissenschaftlerin und Medientheoretikern Annekathrin Kohout „Erwin, komm doch endlich ins gemachte Bett!

Erwin Wurm „Bei Mutti“
Die Ausstellung ist noch bis zum 22.08.2016 zu sehen in der
Berlinischen Galerie, Alte Jakobstraße 124–128, 10969 Berlin.
Weitere Informationen: www.berlinischegalerie.de

Tags : "Bei Mutti"Berlinische GalerieentmaterialisiertErwin Wurmhandlungsorierntiertneuer Skulpturenbegriffpartizipative Kunst