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Die Avantgarde in Einzelhaft

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Jörg Herold mit „Prophetisch Grün – Wittenberger Tor zum Paradies“, Foto: Daniel Biskup

„Luther und die Avantgarde“! Der Titel der Ausstellung im Alten Gefängnis in Wittenberg ist, um im Bild zu bleiben, schon eine gewagte These. 66 internationale, alle als Einzelpositionen bekannte, zeitgenössische Künstler_innen sind hier unter der titelgebenden Avantgarde subsumiert. Das Wirken Martin Luthers als Reformator von Kirche und Gesellschaft dient ihr als Bezugsrahmen und die Künstler_innen wurden gebeten, ihre künstlerische Position zu relevanten Themen der heutigen Gesellschaft wie etwa Freiheit, neue Medien, Individualität, Religion, Widerstand oder soziale Konflikte vorzustellen. Denn Schieflagen oder Unmut unter diesen Überschriften waren bereits vor 500 Jahren Beweggründe für Reformen.

Altes Gefängnis Wittenberg, Foto: Daniel Biskup

Präsentiert werden die künstlerischen Statements vorrangig solitär in einer Zelle des Gefängnisses, das eigens für die Ausstellung Instand gesetzt wurde. Diese Raumzuweisung scheint folgerichtig, steht aber einem Austausch zwischen künstlerischen Werken und Intentionen entgegen. Inszenierungen von Korrespondenzen, Spannungen oder Themen zwischen den Zellen oder Etagen des Gefängnisses seitens der Kuratoren erschließen sich erst einmal nicht. Das sind merkwürdige Gegebenheiten für das, was man unter einer künstlerischen Avantgarde versteht, die doch als Gruppe von Gleichgesinnten gegen herrschende Verhältnisse und Normen angeht. Dennoch, die kleinen Zellen mit den originalen Gittertüren, die kargen Gänge, Treppen und dicken Mauern haben nicht nur auf Künstler_innen ihre Wirkung und ließen bei den meisten Besuchern wohl auch ohne Kunst das Kopfkino losgehen. Schließlich war das Gefängnis von 1908 bis 1965 „in Betrieb“, in politisch vielfältig bewegten und durchaus willkürlichen Zeiten also. Erinnert sei daran, dass infolge Luthers Reformation die ersten städtischen Gefängnisse entstanden, damit Protestanten nicht in katholischen Klostergefängnissen untergebracht werden mussten. Ob es ihnen dort besser ging sei dahingestellt, der Ort der Ausstellung aber passt somit zum Thema.

Gefängnis Wittenberg, Foto: Daniel Biskup

Für die Kunst, die immer auch Synonym für Freiheit ist, bergen die hermetischen Räume in Wittenberg im Kontext Reformation entsprechende Herausforderungen. Immerhin wird aus jedem Kunstwerk unweigerlich eine Rauminstallation, die die Gegensätze von Freiheitsentzug und Freiheit, Abschottung und Konzentration, Reue und Kontemplation, Normen und Kreativität anhand des „Denkmodels Luther“, wie das Kuratorenteam den Bezug zu Luther verstanden wissen will, verhandeln könnte. Die Werke der Künstler_innen im eingeengten, historisch belegten und aufgeladenen Raum müssen dazu in ihrer Position, Intention und Ästhetik überzeugen, um dem sich beim Abwandern der Zellen einstellenden „Diashow-Effekt“ entgegenzuwirken. Insgesamt gelingt dies nur bedingt, auch wenn gut die Hälfte der Werke eigens für die Ausstellung entstanden ist. Etwas einfacher sind die Umstände für die Kunstwerke im Außenraum des Gefängnisses.

Erwin Wurm_Boxhandschuh, 2016, Foto: comusterer

Der leuchtend rote, oben angedetschte Boxhandschuh aus Bronze von Erwin Wurm empfängt die Besucher im Hof des Gefängnisses. Der Künstler habe die Skulptur ausgewählt, um „gegen die Verlogenheit anzukämpfen“. Wurm nimmt in seinen künstlerischen Arbeiten immer wieder den Katholizismus genau wie die kleinstädtische Spießigkeit zynisch ins Visier. Wer dies weiß, hat hier einen Mehrwert an Assoziationen.

Markus Lüpertz_Eiferer, 2017, Foto: Daniel Biskup

Der zum Katholizismus konvertierte Markus Lüpertz setzt dem thematisch übergeordnetem „Denkmodel Luther“ scheinbar zum Trotz der Person Luther ein Denkmal mit der Begründung: „Luther ist für mich in seiner ganzen Angreifbarkeit ein Heros.“ Das Denkmal soll tatsächlich in Wittenberg errichtet werden. Die bunt gefasste, figürliche Maquette „Eiferer“ erprobt sich vorerst in der Zelle.

Und der Titel der Ausstellung kommt einem wieder in den Sinn mit der Frage, wer oder welche Kunst ist oder wäre denn heute wohl die Avantgarde? Andreas Slominski, dessen Schallschutzmauer an der Außenwand des Gefängnisses die historische Schlosskirchentür rezipiert, reflektiert dazu: „Avantgarde muss nach vorne gehen, sich aber auch auf die Vergangenheit rückbesinnen.“

Luise Schröder_Gedenktafel „Im Gedenken an den Generalstreik der Frauen Wittenbergs am 4. Mai 1987, 2017. Foto Daniel Biskup

Luise Schröder hat „Im Gedenken an den Generalstreik der Frauen Wittenbergs am 4. Mai 1987“ eine Emailletafel, wie sie in Wittenberg an den Häusern auffallend häufig insbesondere für zu ehrende Männer zu sehen sind, im Stadtraum angebracht. In der Zelle legt sie dazu erläuternde Poster aus. Allerdings ist ihr Ereignis des Gedenkens rein fiktiv. Mit dem künstlerischen Prozess der Recherche und der Einbindung der Bevölkerung hinterfragt die Künstlerin die Inszenierung von Gedenkkultur.Welchen Einfluss hat Geschichte auf die Gegenwart? Wie schreiben sich ideologische Prozesse und Festschreibungen von Geschlecht und Gender fort? Richtige und wichtige Fragen nicht nur im Reformationsjahr.

Michael Sailstorfer_Mückenhaus, 2012, Foto: Daniel Biskup
Wittenberg, Luther und die Avantgarde im Gefängnis Wittenberg

Himmelwärts strebt Ayşe Erkmen mit dem vergoldeten Kamingeländer „Himmelsluke“ außen um den Schornstein des Hauses. Eine subtile Intervention, die den Wert der Freiheit markiert und Wertigkeiten negiert. Einige Meter weiter unten kommt das „Mückenhaus“ von Michael Sailstorfer vor allem nachts zu voller Geltung und entwickelt seine eigene Philosophie. Dann, wenn es der grellen Straßenlaterne ein Zuhause gibt, das nach außen hin in sanftem Licht erstrahlt, von dem Nachtfalter wie Mücken magisch angezogen werden, bis sie zu Gefangenen im Hause des Lichts werden.

Olafur Eliasson_Inner touch sphere, 2012, Foto: Daniel Biskup

Zurück im Gefängnis bringt die Arbeit von Olafur Eliasson nicht wirklich Licht ins gedankliche Dunkel mit einer Leuchtkugel aus sechseckigen Platten, die die Zelle sternenartig erleuchtet. Monica Bonvinicis Installation aus künstlichen Neonröhren „Erhellung“ hätte ohne die ältere Arbeit „Desire“ und dem Verweis auf das Zeitalter der Aufklärung ihre Kraft weit besser entfalten können.

Foto: comusterer

Gedankliche Freiheit symbolisieren Ilya und Emilia Kabakov mit bunten Fäden, die von einem mitten in der Zelle stehenden Stuhl aus zur Decke gespannt sind. „The Eminent Direction of Thoughts“ deutet die Poetik leider nur an und verliert sich im Banalen.

Foto: Daniel Biskup

Belanglos bis aufgesetzt wirken zudem mehrere Arbeiten etwa ein Abendmahl à la Leonardo aus Asche gezeichnet (Zhang Huan), ein Tischgedeck aus Plastik mit zerfaserten Rändern (Dorothee Golz), ein Wohnzimmer, in das schwarze Brocken eindringen (Ivan Plusch), eine auf dem Boden bäuchlings liegende „nackte“ Holzpuppe, natürlich im Waschraum (Paloma Varga Weisz), Caravaggios „Der ungläubige Thomas“ als computergeneriertes Gemälde (Miao Xiaochun), eine fleischlastige Collage Luthers (Adrian Ghene) oder auch gefilmte Landschaften auf zu vielen Sreens als Rauminstallation (Korpys/Löffler). Zuweilen ärgerlich sind auch die Texttafeln zu den Werken, die in ihren floskelhaften Beschreibungen der Assoziationskraft einiger Werke sogar entgegenwirken, erörternde Angaben aber wie etwa zur Technik verschweigen.

Eija-Liisa Ahtila_The Annunciation, 2010, Foto: Daniel Biskup

Versöhnt wird man dann doch mit einzelnen Arbeiten, die für Ort und Thema stimmig sind und interessante Korrespondenzen erzeugen. Etwa die wunderbare Dreikanal-Videoinstallation „The Annunciation“ von Eija-Liisa Ahtila, ein Re-Enactment der Verkündigung an Maria durch den Engel Gabriel aus dem Lukas-Evangelium. Vornehmlich Frauen, die vom Diakonischen Institut in Helsinki unterstützt werden, lesen und spielen in realiter die Szenen der christlichen Ikonografie nach. So lernt die finnische Maria in Jeans und Wollpullover auf einem Esel zu reiten und der weibliche Engel verkündet in einer ganz gewöhnlichen Welt seine Botschaft. Christian Jankowskis Videoarbeit „Casting Jesus“ lässt uns an der internen dreiköpfigen Jury aus Vertretern des Vatikans teilnehmen, die aus 13 professionellen Schauspielern den perfekten Jesusdarsteller auswählt. Die Schauspieler verrichten hierfür die geschichtstragenden Aufgaben Jesu. Das gesamte Bildrepertoire verdeutlicht, wie sehr unser kollektives Bildgedächtnis von den kunstgeschichtlichen Jesus-Darstellung bis heute geprägt ist.

Pascale Marthine Tayou_Save the Brain, 2017, Foto: Daniel Biskup

Ebenso ist die Rauminstallation „Save the Brain“ von Pascale Marthine Tayou beeindruckend, auch wenn sie eine Minimalversion der Ausstellung „Kolmanskop Dream“ in der ifa-Galerie Berlin ist, wo der Künstler die kolonialen Spuren Namibias thematisierte. Wie spitze Bleistifte ragen Holzstäbe aus den Wänden, deren Spitzen bunt angemalt sind. An der Decke mittig ist ein goldenes Hirn platziert, dort wo in christlichen Gemälden der Heilige Geist oder Gott thront.

Elger Esser_Combray, 2012, Foto: Daniel Biskup

Der digitalen Zeit entgegen stellt sich Elger Esser mit einer Serie an Heliogravüren mit dem Titel „Combray“, der fiktive Kindheitsort von Marcel Proust. In Frankreichs Provinzen fotografierte er analog unter anderem leere Kirchenräume, in denen die Aura eines Glaubens und die „Suche nach der verlorenen Zeit“ beinahe spürbar wird.

Jia_The Chinese Version, 2016, Foto: comusterer

Eine Stärke entwickelt die Ausstellung auf interessante Weise dann, wenn sich die bildenden Künstler_innen mit Text, Sprache oder Rezeption von Text beschäftigen. So der über Stockwerke hinweg direkt auf die Wand getragene ästhetische Fries an chinesischen Schriftzeichen der Künstlerin Jia. „The Chinese Version“ führt alle traditionellen Schriftzeichen auf, die seit der Kulturrevolution in den 1950er Jahren aus dem Gebrauch gestrichen wurden. Micha Kuball verwebt in der Projektion „Metatext“ komplexe Diskurse zwischen Martin Luther, dem Psychoanalytiker Jaques Lacan und dem Kunsthistoriker Felix Ensslin zu Begriffen wie Freiheit, Gerechtigkeit und Recht oder Wahrheit.

Jörg Herold_Detail, Foto: comusterer

Indessen beschränkt sich Jörg Herold mit „Prophetisch Grün – Wittenberger Tor zum Paradies“ auf die 99 schönsten Namen Gottes im Koran. Diese Eigenschaften Gottes oder Namen für Allah ritzte er in die Wand der Zelle. Ein physisch meditativer Akt. Den auch der programmierte Roboter von robotlab vollzieht.

 

robotlab_ bios, 2007, Foto: Daniel Biskup

Neun Monate ohne Unterbrechung braucht er, um die Bibel mit Feder und Tinte in altdeutscher Schrift auf die große Papierrolle niederzuschreiben. Die Algorithmen-Installation „bios“ verkörpert den medialen Wandel und stellt gleichzeitig die Frage nach Wertigkeiten neu. Der einsam kontemplativ schreibende Mönch in seiner Zelle wurde durch Gutenbergs Buchdruck abgelöst, heute treten die digitalen Medien an die Stelle der Druckereien. Befreit oder arbeitslos? Uneingeschränkter Informationsfluss oder Überflutung? Der Roboter schreibt sich einsam in seiner Zelle in die Zukunft.

Olaf Metzel_Luther rauf und runter, 2017, Foto: comusterer

Olaf Metzel rezipiert hingegen den medialen Hype um Martin Luther und den 500. Jahrestag der Reformation, indem er Zeitungsartikel zum Thema halb zerknüllt, halb leserlich zu einer überdimensionierten, hängenden Skulptur zusammenfügt. Mit dem saloppen Titel „Luther rauf und runter“ verweist er auf die Trivialisierung durch Medien und die marktschreierischen Aufbereitungen von Historie. Aufgehängt im Treppenhaus des Gefängnisses wird die Skulptur zum ironischen Wegweiser durch die Ausstellung – doch immerhin, ein paar künstlerische Thesen klingen nach. Aber ist das schon Avantgarde?

 

Luther und die Avantgarde – Altes Gefängnis Wittenberg

bis 17. September 2017
Mo-So, 10-19 Uhr

Ehemalige Haftanstalt Wittenberg
Berliner Straße / Ecke Lucas-Cranach-Str.
06886 Wittenberg

Künstler/innen: Eija-Liisa Ahtila Ai Weiwei, Art & Language, Stephan Balkenhol, Christian Boltanski, Monica Bonvicini, Maurizio Cattelan, Mat Collishaw, Olafur Eliasson, Ayse Erkmen, Elger Esser, Isa Genzken, Adrian Ghenie, Dorothee Golz, Manuel Graf, Assaf Gruber, Axel Heil + Roberto Ohrt, Diango Hernández, Jörg Herold, Thomas Huber, Richard Jackson, Christian Jankowski, Jia, Ilya und Emilia Kabakov, Yury Kharchenko, Jürgen Klauke, Alexander Kluge, Korpys / Löffler, Eva Kot’átková, Olya Kroytor, Mischa Kuball, Csilla Kudor, Ulrike Kuschel, Andrey Kuzkin, Thomas Locher, Markus Lüpertz, Antje Majewski, Jonathan Meese, Olaf Metzel, Miao Xiaochun, Marzia Migliora, Achim Mohné, Christian Philipp Müller, Eko Nugroho, Pjotr Pawlenski, Ivan Plusch, Johanna Reich, Sebastian Riemer, robotlab, Julian Rosefeldt, Michael Sailstorfer, Luise Schröder, Andreas Slominski, Song Dong, Juergen Staack, Sun Xun, Jan Svenungsson, Tal R, Pascale Tayou, Günther Uecker, Paloma Varga Weisz, Cornelius Völker, Erwin Wurm, Xu Bing, Zhang Huan, Zhang Peili

Kuratorenteam: Walter Smerling, Kay Heymer, Susanne Kleine, Dimitri Ozerkov, Peter Weibel,  Dan Xu,

Mehr Infos: Luther und die Avantgarde

Sonderpräsentation in

Berlin, St. Matthäus-Kirche: Gilbert & George „SCAPEGOATING PICTURES“ und Kassel, Karlskirche: Thomas Kilpper & Massimo Ricciardo „Leuchtturm“ und Shilpa Gupta „I Keep Falling at You“.

 

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