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Ein Trio sucht das Glück

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Courtesy of the Artist

Stell Dir vor, das Glück ist Dir auf den Fersen und Du bekommst es gar nicht mit … So jedenfalls ergeht es den drei Männern in Eran Shakines Zeichnung „A Muslim, a Christian and a Jew didn’t realize happiness was following them for some time now“. Während sie unbeirrt und sichtlich entspannt ihres Weges ziehen, folgt ihnen ein kleiner weißer Hund – das Glück.

Nur der Titel verrät, dass es sich bei dem Trio um Vertreter der drei großen monotheistischen Religionen handelt – Judentum, Christentum, Islam. Sie alle sind dunkel gewandet, tragen gleichermaßen hohe Hüte und lange Mäntel im Stil feiner Herren des 19. Jahrhunderts. Die Hände haben sie locker in die Hosentaschen gesteckt. Doch wer ist wer? Auf diese Frage wird der Betrachter keine Antwort finden, so genau er die Figuren auch analysiert. Und genau das ist die Intention von Eran Shakine, der derzeit seine erste große Einzelausstellung in Deutschland hat. Bis zum 5. März 2017 präsentiert das Jüdische Museum Berlin in der Schau „A Muslim, a Christian and a Jew“ 43 Arbeiten des israelischen Künstlers.

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Shay Kedem

Eran Shakine wurde 1962 als Sohn eines französischen Vaters und einer ungarischen Mutter – beide Überlebende des Holocaust – in Israel geboren. Nach Auslandsjahren in Paris, London und New York entschied sich der Israeli, dessen Arbeiten u.a. im British Museum und dem Aachener Suermondt-Ludwig-Museum zu sehen sind, für eine Rückkehr in die Heimat. Er lebt und arbeitet heute in Tel Aviv.

Leben im Auge des Sturms

Ein Umfeld, das auch seine Kunst prägt: „Im Nahen Osten zu leben, ist, als lebte man im Auge eines Sturms. Als würde man versuchen, auf einem Vulkankrater ein normales Leben zu führen.“ Fünf Kriege hat der 54-Jährige bereits erlebt. Sein Alltag ist stets begleitet vom Gedanken daran, seines Lebens nie wirklich sicher zu sein und Zeuge oder gar Opfer eines Attentats zu werden. Ganz offensichtlich sieht es nicht so aus, als würde den Juden, Muslimen und Christen im Nahen Osten das Glück hinterherlaufen wie jener kleine weiße Hund. Dennoch, Glück in der Gemeinschaft ist möglich – an dieser Idee hält der Künstler fest.

Shakine ist sich seiner Verantwortung als Künstler überaus bewusst. Und auch der Gefahren, denen ein Karikaturist ausgesetzt ist. „Die Erfahrungen mit Charlie Hebdo haben mich sehr beeindruckt. Zum einen bin ich natürlich schockiert, andererseits fasziniert mich die Wirkung, die eine Zeichnung erzielen kann.“ Umso wichtiger sei es ihm, starke neue Bilder zu kreieren, die von Gemeinsamkeit zeugen.

Hasserfüllte Reaktionen auf Facebook

Auch wenn seine Zeichnungen niemanden verletzen wollen – „Ich lache nicht über die Religion, sondern über die Menschen“ – wimmelt es auf seiner Facebook-Seite von hasserfüllten shakine3Kommentaren, wobei die Bandbreite von radikalen Muslimen bis hin zu Anhängern der Pegida reicht. „Umso freundlicher ich antworte, umso wütender fallen die Reaktionen aus“, berichtet Shakine.

Davon lässt er sich nicht abschrecken, fühlt sich im Gegenteil bestärkt, mit der Arbeit fortzufahren und Menschen verschiedener Religionszugehörigkeit mit seiner Botschaft zu erreichen. „Wir sind alle verwandt“, betont der Künstler. Schließlich sei Ismael, ein Sohn Abrahams, der Ahnherr der Muslime und der andere Sohn, Isaak, der Vorfahre der Juden. Jesus wiederum wurde als Jude geboren.

shakine6Daher lässt der Künstler seine verwandten Protagonisten – den Juden, den Muslim und den Christen – gemeinsam das Leben erkunden. Und dies auf verschiedenen Ebenen: Vom profanen Breakdance – die Männer sammeln  Spenden ein –  bis hin zu den großen Fragen des Lebens. In der Zeichnung „A Muslim, a Christian and a Jew trying to figure out God’s plan““ etwa kraxeln die drei Männer winzig klein auf den Konturen eines überdimensionalen Kopfes herum. In einer anderen Zeichnung steht das Trio ehrfürchtig vor der Wiege eines Neugeborenen – um festzustellen, dass es nicht alles wissen muss.

Und nicht alles verstehen. Wie etwa die zeitgenössische Kunst. Ein auf einen Podest erhobener undefinierbarer Klumpen löst ganz offensichtlich Ratlosigkeit aus. Auf einer anderen Zeichnung suchen die drei Männer Andy Warhol in seinem Atelier auf. Rote und grüne Blumen – eine Hommage an Warhols Multiples – setzen hier den Kontrapunkt zu den schwarzen Zeichnungen auf weißem Grund.

Street Art und Tim & Struppi

Shakine sieht sich in der Tradition der Street Art, die er in den 1980iger Jahren in New York mitbekam: „Die Straßenkultur der Stadt, besonders die Graffiti von Jean-Michel Basquiat und Keith Haring, hat mich umgehauen“. Weitere Einflüsse auf sein Werk seien der Japanische Blockdruck und Katushika Hokusai – so wie „Tim und Struppi“, das berühmte Comic aus Belgien.

Tatsächlich hat Shakine einen ganz eigenen Stil entwickelt, einen Stil, der changiert zwischen „high“ und „low“. Während einige Zeichnungen sich aus raschen Strichen zusammensetzen, sind andere kunstvoll, mit Liebe fürs Detail, ausgearbeitet.

Shakine transportiert seine Botschaften nicht belehrend, bezieht keine Partei, verfällt nicht ins Moralisierende. Auch wenn die Bildtitel beginnen wie ein Witz, führt der Künstler seine Protagonisten nicht als Witzfiguren vor. Stattdessen spielt er auf subtile Art mit dem Menschlichen. Mit dem, was sie alle verbindet: den Juden, den Christen und den Muslim.

 

Jüdisches Museum Berlin

Lindenstraße 9-14, 10969 Berlin, Öffnungszeiten: Mo 10-22 Uhr, Di – So 10-20 Uhr

 

Im Hirmer Verlag ist eine Publikation zur Serie erschienen:

A Muslim, A Christian and a Jew. Knocking on Heaven`s Door. Eran Shakine

Edition Jürgen B. Tesch, München, 2016

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