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Ideen sind das wichtigste Produkt – Das Museum als treibende Kraft

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Welcome "Museums and Cultural Spaces as Motor of Urban and Social Progress, Int. Symposium Venedig 2016

Können Museen und kulturelle Räume ein Motor für urbanen und sozialen Fortschritt sein? Sicher eine gewagte These, die auf dem internationalen Symposium im Umfeld der 15. Architektur-Biennale mit dem Titel „Reporting from the Front“ unter der Leitung des chilenischen Architekten Alejandro Aravena in Venedig diskutiert wurde.

biennale_6156Die Museumsbauten der letzten Jahrzehnte neigen zu glamourösen Stararchitekturen. Ob die innovativen Hüllen dieser Bauten auf vorhandene Strukturen einer Region abstrahlen und helfen, sie positiv weiterzuentwickeln, ist pauschal nicht zu bejahen. Denn zumeist reagieren derartige kunstvolle Museumsarchitekturen nicht auf das Umfeld, in dem sie errichtet werden. Bei dem Symposium zum Thema „Museums and Cultural Spaces as Motor of Urban and Social Progress“, das im Teatro Piccolo des Arsenale stattfand, wurde so auch wiederholt dieser gehypte „Bilbao-Effekt“ hinterfragt. Seit der Fertigstellung des fulminanten Baus von Frank O. Gehry 1997 für das Guggenheim-Museum in Bilbao hat sich offensichtlich ein positiver Strukturwandel in der Stadt und der Region vollzogen. Unerwähnt bleibt oft, dass dieser ebenso Resultat der zahlreichen infrastrukturellen Maßnahmen, Neubauten und attraktiven Gestaltungen ist, die die Stadt zudem realisierte. Der erhoffte, seitdem so genannte, Bilbao-Effekt ist also nicht unbedingt die Folge eines Museumsneubaus, sondern ergibt sich aus dem Zusammenspiel wirksamer architektonischer und struktureller Maßnahmen in einer Region.

Russischer Pavillon Venedig 2016, Kurator Sergey Kuznetsov
Russischer Pavillon Venedig 2016, Kurator Sergey Kuznetsov

Ein Gegenbeispiel zu Bilbao ist die Neuausrichtung des Moskauer Ausstellungsgeländes WDNCh‘. Seit 2014 wird auf Initiative der Stadtregierung Moskaus die riesige Anlage mit den vielen Ausstellungspavillons für die Bevölkerung wieder attraktiv gemacht. Anstelle eines zentralen Neubaus wie in Bilbao ist das Gelände vergrößert, umgestaltet, die Bauten renoviert und das Freizeitangebot erweitert worden. Die Geschichte des WDNCh begann 1939 mit thematischen Pavillons zur „All-Unions-Landwirtschaftsausstellung“, ab 1959 wurde die „Ausstellung der Volkswirtschaftlichen Errungenschaften“, abgekürzt WDNCh, im großen Hauptpavillon ausgerichtet. Alljährlich fanden hier die Leistungsschauen des Sozialismus und seiner Länder statt, deren Ende mit der Auflösung der Sowjetunion einher ging.

Russischer Pavillon Venedig 2016, Kurator Sergey Kuznetsov
Russischer Pavillon Venedig 2016, Kurator Sergey Kuznetsov

Der Russische Pavillon in Venedig widmet sich nun unter dem Titel „V.D.H.N. URBAN PHENOMENON“ der Geschichte und fortlaufenden Reaktivierung des WDNCh‘. Die Ausstellung zeigt eindringlich, wie vorhandene Elemente sozialistischer Architektur und Dekoration neu arrangiert und in das Areal mit seinen Ausstellungspavillons und Brunnen implementiert wurden. Die Statuen und Reliefs von einst würden allein aufgrund ihrer Schönheit aus jener Zeit, nicht wegen ihrer politischen Intentionen restauriert werden, so der Kurator Sergey Kuznetsov. Das zeugt von kultureller Gelassenheit im Umgang mit von Staatsdoktrin überfrachteten Symbolen.

Russischer Pavillon Venedig 2016, Kurator Sergey Kuznetsov
Russischer Pavillon Venedig 2016, Kurator Sergey Kuznetsov

Der Kurator betont gleichzeitig die edukative Funktion dieses Territoriums in seiner vielfältigen Fusion aus Kultur, Park, Sport und Entertainment. Inmitten der Stadt ist das WDNCh heute eine der begehrtesten Verweil-Orte und Treffpunkte für die Moskauer Bevölkerung. In einigen der vielen Pavillons des WDNCh‘ präsentieren sich bereits Ausstellungen und erste Museen. Neben diesem Projekt steigen aber auch in Russland die Zahlen an Museumsneubauten. Ein Anlass für den Moskauer Chefarchitekten Sergej Kusnetzow, gemeinsam mit dem Kulturministerium der Stadt Moskau und in Kooperation mit ANCB The Aedes Metropolitan Laboratory, Berlin, das mit internationalen Experten aus Architektur und Museen besetzte Symposium zu initiieren.

Russischer Pavillon 2016, Foto: co.musterer
Russischer Pavillon Venedig 2016, Foto: co.musterer
Russischer Pavillon Venedig 2016, Foto: co.musterer
Russischer Pavillon Venedig 2016, Foto: co.musterer

Auf dem Podium verwies die New Yorker Architektin Elizabeth Diller bei den architektonischen Neu- und Umbauten für Museen und Kulturinstitutionen auf einen dritten Motor für Strukturwandel, nämlich die Künstler selbst. Sie erinnerte an deren Produktionsstätten in den Industriebrachen von New York, die, wie beispielsweise später auch in Berlin, aufgrund ihrer steigenden Attraktivität mittels Kunst der Macht des Marktes weichen mussten und so ungewollt der Gentrifizierung in die Hände spielten. Erst später kehrt bekanntermaßen die Kultur in Form des Kunstmarktes in diese Regionen zurück. Aus diesem sich wiederholenden Kreislauf zu lernen hieße für Liz Diller, die Kulturproduktion in Balance zu Konsum und Markt zu bringen und Künstler von vornherein in urbane und soziale Umwandlungsprozesse einzubeziehen.

Podium Panel !: Kjetil Thorsen, Dmitry Ozerkov, Sergey Kuznetsov, Lucas Feireiss (Moderation), Elisabeth Diller, Anton Belov
Podium Panel !: Kjetil Thorsen, Dmitry Ozerkov, Sergey Kuznetsov, Lucas Feireiss (Moderation), Elisabeth Diller, Anton Belov

Für die weiterhin schnell steigende Zahl an Museen und Kulturräumen weltweit stellt sich also die schwierige Aufgabe, attraktiv für Touristen und Markt zu sein als auch insbesondere der lokalen Bevölkerung den Zugang zur Kultur zu ermöglichen, um so bestenfalls mit den Instrumenten der Kultur soziale Probleme zu lösen. „Die Zeit ist hierfür genau richtig“, sagt Kjetil Thorsen aus Oslo optimistisch, denn „Museen sind individuelle Einrichtungen, die sich nun aber kontextualisieren sollten. Museen und deren Konzepte können nicht global sein, denn jede Region hat ihre eigene Kultur“.

Thorsen stellt als Architekt die zielführende Frage, ob wir Museen für die Objekte in ihnen oder für die Menschen, die sie besuchen, bauen wollen. Und bezieht klar Stellung, dass der Mensch im Mittelpunkt der Aktivitäten stehen müsse. Museen seien hierfür lediglich die symbolische Hülle, designed durch ihre Architektur, die wiederum ihrem Wesen nach zu langsam ist, zeitgemäße soziale und urbane Prozesse relevant und flexibel einzubinden. Für eine „Neu-Definition von Museen müsse es also vorrangig um deren jeweilige Programme, die Themen und Inhalte gehen“.

Kjetil Thorsen und Dmitry Ozerkov
Kjetil Thorsen und Dmitry Ozerkov

Um den Zugang zu Kultur allen Menschen zu ermöglichen, bräuchten Museen als öffentliche Räume zukünftig flexiblere Strukturen, inhaltlich wie architektonisch. Das war ein Fazit des Podiums. Was einfach klingt wäre in der realen Umsetzung jedoch ein komplexes Unterfangen und bedeute einigen Meinungen nach, ein Neudenken von der Institution Museum, von Architektur als künstlerischen Prozess oder auch performative Kunst sowie eine Neudefinition von Privat und Öffentlich. Der virtuelle Raum offeriert hier Möglichkeiten, auch wenn er das Original ausschließt. Dmitry Ozerkov, Leiter der Abteilung Zeitgenössische Kunst der Eremitage St. Petersburg, prophezeit, dass Museumssammlungen zu elitären Archiven mutieren während die digitalisierten Sammlungen zum aktiven Ort für die Mehrheit der Besucher werden. Die Direktorin der Staatlichen Tretyakov-Galerie in Moskau, Zelfira Tregulova, ergänzte im Sinne der Shared Heritage-Debatten, dass Digitalisierungen insbesondere für alle Menschen weltweit den Zugang zu den Objekten schafften, die der gesamten Menschheit gehören und nicht den Museen, in denen sie sich befinden.

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Podium Panel II: Alexandra von Stosch (Moderation), Zelfira Tregulova, Dolla Merrillees, Martin Roth, Irina Korobjina

Zu dem Aspekt, wie Museen als kulturelle Institutionen wahrgenommen werden können, mahnte Martin Roth, scheidender Direktor des Victoria and Albert Museum, London, „ein Museum ohne Sammlung ist belanglos, denn ein Museen ist nur so gut, wie seine Sammlung“. Entsprechend sollten „Museumsarchitekturen keine Skulpturen, sondern vor allem funktional sein“. Zur zukünftigen Rolle eines Museums galt sein Pamphlet neuen Methoden in der Museumsarbeit, in der das Publikum nicht nur einbezogen, sondern auch eingebunden werden solle. Eine Öffnung der Museen sei notwendig, um gewöhnliche Menschen für Kultur zu begeistern. Das Victor and Albert Museum hat hier vorbildliche Arbeit geleistet, neue Ideen oder Konzepte für die Zukunft sowie für Museen, die künftig mit weit weniger Geld auskommen müssen, gab Roth leider nicht preis.

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Podium Panel III: Alexandra von Stosch, Lucas Feireiss (Moderation); Liz Diller, Zelfira Tregulova, Dolla Merrillees, Martin Roth, Sergey Kuznetsov

Die geteilte Autorenschaft bei Ausstellungen und Vermittlung in Form von Kuratoren aus verschiedenen Kulturen und Fachbereichen ist seit einiger Zeit die Praxis vieler Ausstellungen. Die Direktorin des Museum of Applied Arts and Science in Sydney, Dolla Merrillees, ergänzte hierzu lebensnah, dass die Leute, die in den Museen arbeiten, bis heute nicht die Diversität der Städte spiegeln, insofern sei die alltägliche Vermittlung weiterhin konservativ und kulturell einseitig. Ebenso aus dem Museumsalltag gegriffen brachte Zelfira Tregulova die Diskussion um den freien Eintritt in Museen und dessen bescheinigte Erfolge schnell zu einem Ende mit dem Halbsatz, „man braucht aber andere Einnahmequellen“.

So interessant die Vorstellungen der Museen, die Beiträge und Meinungen aller professionellen Teilnehmenden waren, fehlten den zumeist bereits bekannten theoretischen Ansätzen und Ideen die kontroversen Diskussionen sowie mögliche Visionen der Umsetzbarkeit. Dennoch „Ideen sind das wichtigste Produkt“, wie Martin Roth konstatierte, und in diesem Sinne war das Symposium ein gutes Warm-up, dem hoffentlich bald die Trainingseinheit folgt.

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Das internationale Symposium „Museums and Cultural Spaces as Motor of Urban and Social Progress“ war eine Kollaboration zwischen der Stadtregierung Moskau und dem ANCB The Aedes Metropolitan Laboratory Berlin.
Weitere Hintergründe und Infos zum Symposium bei ANCB.

15. Internationale Architektur-Biennale Venedig
läuft noch bis zum 27. November 2016.

 

Tags : 15. Architektur-Biennale VenedigANCB The Aedes Metropolitan LaboratoryMuseums and Cultural Spaces as Motor of Urban and Social ProgressRussischer PavillonStadtregierung MoskauV.D.H.N. URBAN PHENOMENONWDNCh