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Verhüllte Kritik: Kunst aus Abu Dhabi

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Khalid Al Banna, Kreislauf des Wandels (Detail), 2016, Stoffcollage, Durchmesser 130 cm. Eine Auftragsarbeit des Abu Dhabi Festivals 2016. Mit freundlicher Genehmigung des Künstlers. ADMAF Art Collection. © ADMAF

Einsam schwebt ein Falke über der Ausstellung. Ein Falke, wie die Scheichs in den Arabischen Emiraten ihn zur Jagd einsetzen. Doch der Falke erweist sich als präparierte Eule. Und das Exponat gehört auch nicht zur Ausstellung, sondern zur Wunderkammer der Stiftung Olbricht. Durch eine Maueröffnung lugt der Vogel der Weisheit in eine andere Wunderkammer hinein: die Ausstellung „Portrait of a Nation“ im Me Collectors Room Berlin Stiftung Olbricht in Berlin-Mitte.

Sie zeigt noch bis zum 29.10. Arbeiten aus der Kunstsammlung der Abu Dhabi Music & Arts Foundation (ADMAF). Von den Vereinigten Arabischen Emiraten haben die meisten nur ein vages Bild, auch wenn die Golfregion seit einigen Jahren als Tourismusziel en vogue ist.

Klischees auf dem Prüfstand

Es ist Zeit, die Klischees auf den Prüfstand zu stellen. „Viele denken, wir hätten keine Geschichte“, erklärt die Künstlerin Sarah Al Agroobi und sieht die Ausstellung als Chance, die bisherige Wahrnehmung zurechtzurücken.

Wie aber sehen die Künstler ihr Land? Vor allem diejenigen, deren Werke von einer staatlichen Institution angekauft werden? Und wie ist es um die künstlerische Unabhängigkeit bestellt? Wie um die kritische Distanz in einem Land, in dem jede Abweichung von rigiden Regeln ernste Folgen haben kann, jeder „Local“ jedoch – und das sind nur 15 Prozent der Bevölkerung ­– von Steuern und Sozialabgaben befreit ist? Wo der Luxus allerorten zu greifen ist? Einem Land, wo am Rand der Wüste noch vor 40 Jahren kleine Dörfer standen, in denen Nomaden und Beduinen von Viehzucht, Fischerei und Perlentauchen lebten, und das sich dank riesiger Erdöl- und Erdgasvorkommen zu einer der reichsten Länder der Welt entwickelte – all das in atemberaubendem Tempo. Was also verrät uns die zeitgenössische Kunst über dieses Land, über das hierzulande viele Klischees, manche Kritik und nur wenig Wissen kursieren?

Azza Al Qubaisi, Dhad, 2016, ADMAF Art Collection. © ADMAF

Land der Gegensätze

Längst nicht für jeden Einwohner Abu Dhabis ist alles Gold, was glänzt. Die Mehrheit der Bewohner sind Arbeitsmigranten aus 225 Nationen, überwiegend aus Indien und Pakistan. Ihre Lebens- und Arbeitsbedingungen sind oft prekär: Verträge werden in fremder Sprache abgeschlossen, Pässe einbehalten, die Arbeiter leben in Baracken und Wohncontainern. Nicht selten teilen sich zehn Personen einen Raum ohne sanitäre Anlagen. Die Dumping-Löhne reichen vorne und hinten nicht, Familien brechen auseinander, die Prostitution nimmt zu. Auch der Rassismus ist ein weitverbreitetes Problem.

Thematisieren die Künstler, die als Locals zu den Privilegierten zählen, diese sozialen Missstände? Gedeiht in einem Ambiente des Überflusses auch kritische oder unter der Aufsicht repressiver Regime womöglich subversive Kunst?

Welche künstlerischen und religiösen Grenzen sind einem zeitgenössischen Künstler dort gesetzt? Im Louvre Abu Dhabi und dem Guggenheim Abu Dhabi etwa sind Aktbilder oder Darstellungen des Gekreuzigten ein Tabu. Auffällig viele Frauen sind in der Berliner Ausstellung vertreten. Ist dies repräsentativ für den Kunstbetrieb in den Emiraten? Und haben Künstlerinnen in einer Region, das von einem althergebrachten Rollenbild ausgeht, die gleichen Möglichkeiten wie ihre männlichen Kollegen? Es gäbe noch viele Fragen. So berechtigt es ist, sie zu stellen, sie sollten den Besuchern der Ausstellung nicht behindern, sich der Schau unvoreingenommen zu nähern.

Sarah Al Agroobi, Die Wüstenrose, 2016, ADMAF Art Collection. © ADMAF

Diese ist in sieben Sektionen untergliedert: „Nation und Einheit“, „Geographie und Natur“, „Architektur und Urbanismus“, „Porträt und Identität“, „Religion und Spiritualität“, „Sprache und Kalligraphie“ sowie „Tradition und Erbe“.

Augenfällig ist, dass sich viele Künstler auf traditionelle Handwerkspraktiken wie das Knüpfen von Teppichen oder die Kunst der Kalligraphie besinnen und dies mit modernen Kunstformen westlicher Provenienz kombinieren. Auch die karge Natur des Wüstenstaates inspiriert einige der Künstler. Mit den Einflüssen der natürlichen Elemente experimentiert etwa Mohammed Al Astad. Er hat eine Technik entwickelt, bei der er ein verrostetes, von Leinwand umhülltes Gitter für zwei bis drei Wochen am Strand vergräbt. Die Natur tut das übrige und jedes der Ergebnisse ist in seinen erdigen Farbtönen ein Unikat von ästhetischem Reiz.

Auf Spurensuche begab sich der Fotograf Amar Al Attar, indem er die alten Fotostudios der Emirate aufsuchte. Was er vorfand, war zugleich eine Dokumentation der Einwanderungsgeschichte Abu Dhabis und Dubais. Während die ältesten Studios in den 1960iger-Jahren von Locals betrieben wurden, waren es in den 1970iger Jahre vor allem Männer aus Indien und Pakistan, die von ihren Landsleute  beauftragt wurden, Passfotos für die Visumsanträge zu machen. Andere Fotos wurden an Angehörige in der fernen Heimat geschickt. Amar Al Attar besuchte die Studiobesitzer und entlockte ihnen ihre Geschichten über die Menschen, die Gebäude und die Entwicklung des Landes und der Fotografie. Ein Schaukasten und eine Videoinstallation zeugen von diesen Gesprächen.

 

Zeinab Al Hashemi, Küstenkollision, 2016, ADMAF Art Collection. © ADMAF

„Was sie von mir denken…“

„Here’s What They Think Of Me“ betitelte Sara Al Ahbabi ihre Arbeit, die sich aus acht Leuchtkästen zusammensetzt. Sie setzt sich unter anderem mit dem Rollenbild der Frau in den Emiraten auseinander. Doch wer ist „They“? Sind damit die Männer gemeint oder ein Publikum jenseits der Emirate?

Einer der Kästen zeigt einen Mann, der stolz auf einem Siegerpodest steht, während der zweite Platz unbesetzt bleibt. Zusammengekauert, schwarz umhüllt und abgewandt, sitzt eine Frau auf Platz drei. Auf einem anderen Bild wächst das Geld auf den Bäumen: Eine ebenfalls schwarz verschleierte Frau mit schwindelerregend hohen High Heels muss es nur noch pflücken. Wiederum ein anderer Kasten präsentiert einen Scheich, der sich dekadent auf einem Sessel räkelt, inmitten einer Sportarena. Auf einem weiteren Foto ist eine Mutter zu sehen, die teilnahmslos mit ihrem Handy auf dem Sofa liegt und die Verhätschelung ihres Sohnes den Au Pair-Mädchen überlässt. All die Bilder changieren zwischen dem Spiel mit Klischees, Standortbestimmung und Selbstfindung sowie subversiver Kritik. Oder nichts von alledem? Welche Position die Künstlerin einnimmt, lässt sich nicht klar herauslesen.

Vielleicht ist es auch gut so, dass viele Fragen bleiben. Aber vielleicht ist es auch nur repräsentativ für eine geschickte Schau, die Wunden aufzeigt, ohne sie jemals wirklich zu berühren.

 

me Collectors Room Stiftung Olbricht

Mi – Mo, 12-18 Uhr
Regulär 8 Euro / Ermäßigt 4 Euro

Auguststraße 68, 10117 Berlin

 

 

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