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König für einen Tag: ONE FINE DAY öffnet Kindern die Türe zur Kreativität

Kinder-im-Workshop-Amélie-Grözinger-zum-Thema-Falttechniken-©-One-Fine-Day-e.V.

„Wenn ich groß bin, möchte ich Präsident sein“, verkündet der Junge vor laufender Kamera. „Hier gibt es so viele Terroristen“.  Sein Wunsch sei es, sein Heimatland Kenia sicher zu machen. In der nächsten Szene des Videos, das derzeit im „me Collectors Room Berlin“ zu sehen ist, stimmen Kinder ein Lied an. Ein Lied, das Nelson Mandela gewidmet ist.

Der Junge, der von der Präsidentschaft träumt, ist in Kibera aufgewachsen, dem größten Slum Nairobis. Einem Ort, an dem Kinder eigentlich nicht groß werden sollten: inmitten von Schmutz, Müll, ohne fließendes Wasser. Dass der Junge nun Visionen hat, verdankt er u.a. Marie Steinmann-Tykwer und ihrem Mann, dem Regisseur Tom Tykwer.

Tom Tykwer ­– weltberühmt durch Filme wie „Lola rennt“ oder „Ein Hologramm für den König“ – ist beschäftigt genug, sollte man vermuten. Doch gemeinsam mit seiner Frau ließ ihm der Gedanke keine Ruhe, dass es Kinder gibt, denen der Zugang zur Kreativität komplett versperrt ist. Im Jahr 2008 gründete das Paar, selber Eltern eines Kindes, die Organisation „One Fine Day“. Inzwischen nehmen 1000 Kinder aus Kibera und Mathare an dem Projekt teil. Kenianische Lehrer unterrichten sie in den Disziplinen Tanz, Ballett, Bildende Kunst, Theater, Musik, Zirkusakrobatik und Schreiben.

Der Filmemacher erinnert sich an seinen ersten Besuch in Kibera. Die Kinder erhielten die Aufforderung, zu malen, wovon sie in der Nacht geträumt hatten. Viele wussten erst einmal nichts mit dieser seltsamen Aufgabe anzufangen. Schließlich ist dort, wo es ums nackte Überleben geht, für Reflexion wenig Raum. Die meisten Kinder hatten erstmals einen Buntstift in der Hand, hielten diesen behutsam wie einen wertvollen Schatz. „Wir möchten den Kindern Entdeckungsräume des Schöpferischen öffnen“, so Tykwer. „Alles ist drin – es muss nur raus“, ergänzt seine Frau.

„Sie sind wie Schwämme“

Einmal im Jahr reist die Kuratorin Juliet Kothe mit deutschen Künstlern nach Nairobi, um dort mit den Kindern und Lehrern Workshops durchzuführen. Das Ergebnis dieser Workshops ist bis zum 4. Juni in in der Ausstellung „Picha/ Bilder zwischen Nairobi & Berlin“ im „me Collectors Room Berlin“ der Stiftung Olbricht zu sehen.

„Ich hatte Angst vor den Kindern“, gesteht der Künstler Erik Schmidt. Doch zu seinem Erstaunen waren diese keine Sekunde gelangweilt, ganz anders, als er es von deutschen Grundschülern gewohnt ist. „Sie sind wie Schwämme“ stellte er stattdessen fest. Während seines Aufenthaltes war auch der Papst zu Besuch in Kenia. Schmidt hatte die spontane Eingebung, den Kindern die Technik der Frottage zu zeigen.  Bei der Frottage wird die Oberflächenstruktur eines Gegenstandes oder Materials durch Abreiben mittels Kreide oder Bleistift auf ein aufgelegtes Papier übertragen. Die Kinder durften je ein Zeitungsfoto aussuchen – alle wählten unabhängig ein Bild des katholischen Kirchenoberhauptes. Schmidts Arbeit hängt nun in der Ausstellung zwischen denen der Kinder.

Markus Keibel nutzte den Workshop, um den Kindern die Technik des Aquarells zu lehren. Die Zeit in dem Slum habe ihm einige Flexibilität abverlangt. So nutzte er etwa die Pfützen, um die Pinsel auszuwaschen. Aus den zerrissenen Gemälden entstand schließlich ein neun Meter langes Gemeinschaftskunstwerk zum Thema Stadt/ Land. Zum Abschied nahm er von jedem der 27 Kinder eine Zeichnung, um diese zu verbrennen. Aus der Asche fertigte er das Streifen-Bild „Burned pictures from the future“. Den Prozess der Transformation erklärte er den Kindern. Eine immense geistige Herausforderung, der diese jedoch durchaus folgen konnten.

Die Künstlerin Karoline Kryzecki arbeitet überwiegend mit Kugelschreiber. Sie ging davon aus, dass sie eine solch langwierige Arbeit den Kindern nicht zumuten konnte und wurde überrascht, wie ehrfurchtsvoll diese auf den Kuli – für uns eher ein Pfennigartikel – reagierten. „Er ist ein Statussymbol, den man aus der Hemdtasche herausgucken lässt“, erklärt die Künstlerin.  Zwar sponsert die Organisation Malmaterial für die Workshops, das nicht selten in kürzester Zeit gestohlen wird. Sie hält die Künstler aber auch an, mit billigen Materialien zu arbeiten, die den Kindern auch dann leicht zugänglich sind, wenn der Besuch aus Deutschland Kibera wieder verlassen hat.

So entstanden im Workshop von Pola Sieverding Masken, die die Kinder nach eigenem Gusto dekorierten konnten. Die Kinder schmückten diese mit Fundstücken wie Federn oder getrockneten Fischen. Eine andere Maske leuchtete in den Farben der deutschen Flagge.

Amélie Grözinger wiederum brachte den Schülern ihres Workshops die Falttechnik bei. Mit goldenen Kronen behütet zeigten sich die Kinder den Bewohnern des Viertels. Die Freude und den Stolz sieht man ihren Gesichtern an. Für einen Tag lang ein König.

 

 

me Collectors Room Stiftung Olbricht

Di – So, 12-18 Uhr

Auguststraße 68, 10117 Berlin

 

 

 

 

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