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Momente der Unumkehrbarkeit – Jenny Brockmann in der Schering Stiftung

JennyBrockmann_Sitz’12_Forschungstreffen_ScheringStiftung_2016_Foto ©SebastianMayer

Der kleine Blitz leuchtet hell, knistert gefährlich und erlischt nach einer guten Sekunde wieder. Der knappe Zentimeter an geballter Energie braucht 30000 Volt für sein kurzes Erleben. Unter Einwirkung elektrischer Entladung seien organische Moleküle, wie sie heute in Lebewesen vorkommen, bereits in der Uratmosphäre entstanden. So die Hypothese, die das Miller-Urey-Experiment beweisen wollte und Jenny Brockmann mit ihrer künstlerischen Adaption dieser Laboreinheit zur Disposition stellt.

Der Moment, wann Leben entsteht, ist gar nicht so eindeutig, auch nicht, wann es endet. Über dem Miller-Urey-Experiment – auf einer „Hochebene“ – spricht der Radiologe Dr. Valerij G. Kiselev in einem Video-Interview über den Moment des Todes, der von Medizin, Religionen oder Wissenschaften sehr unterschiedlich definiert wird, und doch für jede Disziplin gleichermaßen richtig sei. Es gibt sie nicht, die eine Wahrheit. Kiselevs Überlegungen, wie sich wohl der Tod anhand der Körperflüssigkeiten in einer Computertomographie darstellen würde, können nur hypothetisch bleiben. Zwischen Ursprung und Vergehen gibt es unzählige irreversible Prozesse in einem Leben, in jedem Mikro- wie Makrokosmos, in der Menschheits- und Erdgeschichte. Die Hochebene säumt hierzu ein „Zitatenschatz“, wie die Künstlerin ihn nennt. Eine stetig wachsendes Bibliothek aus Philosophie- und Wissenschaftsliteratur zum Thema ‚Irreversible Momente‘, in der der Besucher stöbern und sich inspirieren lassen kann.

Andreas Baudisch, galerie gerken
Jenny Brockmann, Austellungsansicht Schering Stiftung 2016, © Foto Andreas Baudisch, galerie gerken

In ihrer Ausstellung Wissensraum ‚Irreversibler Moment‘ in der Schering Stiftung stellt Jenny Brockmann derzeit die Frage nach dem einen Moment der Unumkehrbarkeit von Prozessen in den Mittelpunkt. Die Künstlerin forscht seit Jahren zu räumlichen, sozialen und dynamischen Prozessen und natürlichen Abläufen. Ihre durchgängige künstlerische Praxis ist dabei eine interdisziplinäre Zusammenarbeit. Dass die Bildhauerin den Begriff von Raum wesentlich weiter als nur physisch auffasst, liegt somit auf der Hand: Mit ihren Objekten, interaktiven Konstruktionen oder Zeichnungen verknüpft sie Denk- und Wissensräume, visualisiert räumliche Prozesse und kreiert Räume als Forschungsmodelle. Der menschliche Körper ist bei alledem ihre Basis, und so verwundert es nicht, dass sie mit einem Chemiker, einem Physiker und auch mit einem Choreografen und einer Musikerin ‚Irreversible Momente‘ untersucht. Eine Wortneuschöpfung im übrigen, die sie aus dem naturwissenschaftlichen Begriff „irreversibler Prozess“ und dem sich in den Geisteswissenschaften etablierten Ausdruck „Point of no return“ ableitete. In beiden Wissenschaften wird damit der Zeitpunkt innerhalb eines Vorgangs bezeichnet, an dem eine Rückkehr an die Ausgangssituation unter einfacher Energiezufuhr nicht mehr möglich ist.

© Jenny Brockmann: „Irreversibler Moment“, Zeichnung, 2016, Foto: Jenny Brockmann
© Jenny Brockmann: „Irreversibler Moment“, Zeichnung, 2016, Foto: Jenny Brockmann

Der jeweilige Perspektivenwechsel ist ein weiterer unumgänglicher Schlüsselbegriff im Werk von Jenny Brockmann, den sie immer wieder herausfordert. Mit dem Wissensraum ‚Irreversibler Moment‘ ist ein künstlerisches Labor mit interdisziplinären Forschungsergebnissen entstanden und ein Denkraum, der den Besucher mitnimmt und einbezieht. Dieser steht sogleich beim Eintritt in die Ausstellung vor der Entscheidung, zunächst den distanzierten Blick von der eigens durch die Künstlerin eingebauten Hochebene, „Perspektive #2“, zu wahren oder unmittelbar in das Laborgeschehen einzutreten. Hier wird er konfrontiert mit einer 3,50 m breiten schwarzen Tonpapierrolle, die über drei Meter von Stativen herunterhängt. Mit zarten weißen Zeichnungen legt die Künstlerin hier gleich einer Kartographie ihre Gedanken, Fragestellungen und Erkenntnisse zum „Irreversiblen Moment“ dar.

Jenny Brockmann "An 8-minute piece", 2016, Foto: Julia Zimmermann, ©Schering Stiftung
Jenny Brockmann „An 8-minute piece“, 2016, Foto: Julia Zimmermann, ©Schering Stiftung

Töne erklingen von hinten und dreht man sich um, tanzen unzählige Sandkörnchen auf den übertragenen Schallwellen einer kleinen schwarzen Platte. Die sinnliche wie komplexe Versuchsanordnung „An 8-minute piece“ zelebriert eindrücklich den ‚Irreversiblen Moment‘ eines Tons, der, erklingt er im Raum, nie absolut identisch wiederholbar ist. Jenny Brockmann ließ ihre Zeichnungen zu Situationen eines auf den Boden zerbrechenden Glases in Notationen übersetzen und von der Akkordeonistin Franka Herwig als Musikstück spielen. Achtmal ist die achtminütige Partitur eingespielt und aufgenommen und kann, so ist es errechnet, 100 Jahre abgespielt werden, ohne dass sie sich einmal wiederholt.

Ist der Besucher in den Forschungsmodellen insbesondere zu gedanklicher Wachheit gefordert, folgt in der Konstruktion „Sitz #12“ der gemeinschaftliche körperliche Einsatz. Ein überdimensioniertes Speichenrad fungiert als Wippe mit insgesamt 12 Sitzen. Ein runder Tisch der anderen, vielleicht zukunftsweisenden Art, denn alle Sinne müssen bei den beteiligten Personen in alle Richtungen aktiv bleiben. Setzt sich eine Person, steht auf oder bewegt sich abrupt, muss eine Kommunikation, verbal oder non-verbal, mit den Anderen erfolgen, sonst geraten alle aus dem Gleichgewicht – und kreieren einen ‚Irreversiblen Moment‘. Eine wunderbar unpädagogische Schulung unserer Wahrnehmung und der Reflexion über den Umgang mit unseren Mitmenschen.

Jenny Brockmann_IrreversiblerMoment 20-14-220-9“, Detail, 2014_Foto ©Bernd Hiepe
Jenny Brockmann „Irreversibler Moment 20-14-220-9“, Detail, 2014_Foto ©Bernd Hiepe

Für den Chemiker Kevin Betke ist der ‚Irreversiblen Moment‘ hingegen eine Frage der Energie. Steckt man in der Chemie „genügend Energie und Zeit in ein System, ist alles reversibel. Aber häufig ist die Energie und/oder die Zeit nicht vorhanden.“ Gießt man heißes Wachs in kaltes Wasser, formt sich eine irreversible Form. Der Wachs kann unter großen Energieaufwand wieder verflüssigt werden, doch die entstandene Form bleibt einmalig. In „Irreversibler Moment 20-14-220-9“ zeigt Jenny Brockmann, dass es auch in einer Wissenschaft immer auf die Perspektive ankommt.

Die zugrundeliegenden, beinahe alltäglichen Handlungen der Forschungsmodelle sind allesamt ‚Irreversible Momente‘, so wie es jede Handlung ist. Die Historie, Krisen, Kriege und Flüchtlingsdramen beruhen auf ‚Irreversiblen Momenten‘. Das Potenzial und die Gefahr dieser unumkehrbaren Momente holt Jenny Brockmann in das Bewusstsein und gibt dem Besucher ein Konvolut an Gedanken und Wachsamkeit mit auf den Weg.

Schering Stiftung
Unter den Linden 32–34 | 10117 Berlin

Ausstellung: 24.6. – 24.7.2016
Öffnungszeiten: Donnerstag bis Montag, 13–19 Uhr

Jenny Brockmann ist eine unserer Artists of Sharing.
Zudem gibt es weitere Informationen zu Jenny Brockmann.

Tags : Interdisziplinäre ZusammenarbeitJenny BrockmannSchering StiftungWissensraum Irreversibler Moment