close

Welcher Raum für Kunst im öffentlichen Raum?

nvd_5
Neues von draußen, Ausstellungsansicht © Foto: Michael Bause

Ein wenig heimelig mutet der Raum trotz seiner Kargheit an, Blumen auf einem Blumenständer, ein Kuschelobjekt zum Reinlegen und Bilder an den Wänden. Das könnte, mit etwas gutem Willen, eine Art Wohnzimmer sein – ein Ambiente mit einer Grundausstattung zumindest, wie Menschen es sich erwiesener Maßen immer wieder schaffen, egal wo und wie sie sich niederlassen. Die sich hier letztendlich nicht einlösen wollende Harmonie bleibt folgerichtig, denn präsentiert werden vier unterschiedliche künstlerische Ansätze, die ein roter Faden verbindet: Alles sind Werke von Künstler_innen, die mit und im öffentlichen Raum arbeiten, „Neues von draußen“ eben, drinnen in der Galerie oqbo mit der gleichnamigen Ausstellung.

nvd_2
Ausstellungsansicht, © Foto: MIchael Bause

Die bunte „Wohnhöhle“ von Katharina Lüdicke dominiert inmitten des Raumes. Die Künstlerin hat aus gefundenen Materialien einen Kokon geschaffen, der als Schlafstätte oder zum Ausruhen genutzt werden kann. Platziert im öffentlichen Raum könnte man in ihm aus der Hektik der Stadt entfliehen oder böte er für Obdachlose eine schützende, wärmende wie respektvolle kleine Behausung. Die Plastikblumen samt Vase auf dem Blumenständer bieten hierzu unvergängliche Schönheit mit pragmatischer Pflegeleichtigkeit. Der Altmeister der künstlerischen Interventionen im öffentlichen Raum Norbert Radermacher hat sie im strahlenden Weiß der Reinheit und Jungfräulichkeit hier im Raum mit dem Titel „LANTLIV“ abgestellt. Der Titel ist dem Namen der Pflanzenzubehörserie von IKEA entlehnt. nvd_1Im bunten Innen-Stadtraum würde das Ensemble vermutlich kaum beachtet zwischen all den weiteren geklonten Objekten einer einheitlichen Wohlfühlvermittlung, die auf Wohlbekanntes und Wiedererkennung ausgerichtet sind. In anderen Stadtteilen hingegen riefen sie vermutlich ein Lächeln oder gar Bestürzung, in jedem Fall Irritation hervor – Liebeserklärung, Trauerstrauß, ausgeräumtes Wohnzimmer oder einfach Stadtmöblierung im Geschmackskonsens? Die Probe aufs Exempel kann vor der Galerie gemacht werden. Mit einem Augenzwinkern wird hier in der Dopplung des Objekts der Diskurs potenziert.

Katharina Lüdicke, Wohnhöhle mit Seraphina Lenz, Foto: comusterer
Katharina Lüdicke, Wohnhöhle mit Seraphina Lenz, Foto: comusterer

Die Ausstellung „Neues von draußen“ ist offensichtlich und gewollt ein Paradoxon. Die Künstlerin Seraphina Lenz, bekannt durch ihre partizipativen Projekte in öffentlichen Räumen und in sozialen Brennpunkten, wie z.B. das Langzeitprojekt „Werkstatt der Veränderung“ oder „Marzahner Promenade“, hat sie kuratiert und vier Künstler_innen aus drei Generationen eingeladen, die Diskussion wie das Nachdenken über Kunst im Stadtraum zu eröffnen. Seit langem schon ist es still geworden um die Kunst im öffentlichen Raum. Auch wenn im Umkehrschluss nicht unbedingt weniger Kunst in den Städten zu sehen ist. Die Privatisierungen großer Flächen im Stadtraum hat eine Gelände-Dekoration nach jeweiligem Gusto des Eigentümers in Gang gesetzt, die in der Regel fern ab ist von den Intentionen der Künstler_innen, die in öffentlichen Räumen arbeiten. Weiterhin verändern neue Techniken wie etwa Smartphone, E-Cars oder Sicherheitsmaßnahmen, aber auch Bürgerinitiativen sowie politische Projekte kontinuierlich den Stadtraum. Folglich ist auch das Verhalten und die Wahrnehmung in der Stadt stetigen Anpassungen unterworfen. Viele Wirkungsfelder der Kunst im öffentlichen Raum scheinen somit obsolet geworden. Sind sie das?

raumlaborberlin, Moritzplatz, Foto: comusterer
raumlaborberlin, Moritzplatz, Foto: comusterer

„Neues von draußen“ macht eine erste Bestandsaufnahme, indem die Ausstellung die Historie von Kunst im öffentlichen Raum mit reflektiert. Während einer der Väter, Norbert Radermacher, vor allem kleine heimliche Interventionen – ohne Auftrag und Marketing – im Stadtraum vornahm, vermitteln die Objekte der eine Generation jüngeren Katharina Lüdicke ostentativ eine politische Haltung. Ihre Bauten, die zwischen Skulptur, Architektur und Design changieren, thematisieren prekäre Situationen, Ressourcen oder Recycling der städtischen Gesellschaft und entwerfen durch ihre Benutzbarkeit Visionen für anderes Wohnen. Auftrag oder Genehmigungen für die aufwendigen Konstruktionen fehlen auch ihr und so langwierig der Aufbau ist, so schnell verschwinden die Objektbauten oft wieder aus dem Umfeld. Für die „mittlere“ Generation, aber junge Ideen, steht das Kollektiv raumlaborberlin, das an den Schnittstellen zwischen Architektur, Stadtplanung, Kunst und Intervention arbeitet und neue Modelle eines Zusammenlebens aus partizipativen Prozessen heraus entwickelt. Die Ausstellung zeigt das mittlerweile historische Dokument „Moritzplatz“ aus dem Ende der 1990er Jahre. Die Collage entwirft den Moritzplatz als einen öffentlichen Raum, indem der Platz auf die umliegenden Brachflächen erweitert ist. Damals war an die Prinzessinnengärten noch nicht zu denken und partizipative, kollektive Ideen, wie sie ab 2009 die Bürger_innen selbst realisierten, wurden abgelehnt. Der Film „Spacebuster“ im Untergeschoss der Galerie zeigt zudem packend die Arbeitsweise des Kollektivs, wenn das Team mit dem entwickelten „Spacebuster“ durch New York zieht und auf die Bedingungen des architektonischen und sozialen Raumes mit einer mobilen, temporären Architektur für gemeinschaftliche Nutzungen reagiert. In Berlin nutzte die Berlinische Galerie diese temporäre Blasenarchitektur intelligenter Weise während ihrer Umbauzeit auf dem Vorplatz. Unter dem Titel „Küchenmodell“ fand hier gemeinschaftliches Essen statt.

Christian Hasucha, FREMD, ©Foto: Michael Bause
Christian Hasucha, FREMD in Brück, ©Foto: Michael Bause

Christian Hasucha aus der Vätergeneration hingegen ändert die Perspektive in der Wahrnehmung von Gesellschaft im Stadtraum und inszeniert dabei ein kaum zu entwirrendes Wechselspiel von Interaktionen, Projektion und Unsicherheit. FREMD wird der Mann vom Künstler genannt, der mit einer Kopfkapsel und Handschalen aus Beton durch den Ort Brück läuft. Die Kopfkapsel hat nur winzige Löcher, die für den Träger die Orientierung im Raum destabilisieren, ein Ertasten des Umraumes ist durch die Handschalen kaum möglich. FREMD ist somit auf die Hilfe von außen angewiesen. Zwei Fotos dieser Aktion bringen die Ambivalenz auf den Punkt: Zum einen möchten man diesem seltsam aussehenden Mann mit seinen unbeholfenen Bewegungen nicht wirklich allein im Park begegnen. Zum anderen würde man selbst äußerst ungern so hilflos, unverstanden und sich nicht verständigen könnend in dieser fremden Gegend stehen wollen.

raumlaborberlin, Foto: comusterer
raumlaborberlin, Foto: comusterer

Mit der Auswahl dieser vier tiefsinnigen Kunstprojekte hat Seraphina Lenz eine kluge wie fundierte Grundlage für das Nachdenken geschaffen, wie Kunst heute auf den öffentlichen, globalisierten Stadtraum reagieren und in ihm agieren könnte. Gezielt fragt sie: „Können oder wollen Künstler_innen, die mit dem Stadtraum arbeiten, auf aktuelle politische Ereignisse reagieren? Ist öffentliche Meinungsbildung und politische Partizipation ein interessantes thematisches Feld für die Kunst im Stadtraum? Oder geht es darum, Zwischenräume auszumachen und, jenseits eines Dafür oder Dagegen, latente Verhältnisse wahrnehmbar werden zu lassen?“.
Die Diskussionen sollten hierzu schnellsten wieder in Gang kommen. Die Stadtgesellschaften würden von dieser Kunst profitieren.

Neues von draußen
Werke von Christian Hasucha, Katharina Lüdicke, Norbert Radermacher, raumlaborberlin,
kuratiert von Seraphina Lenz

bis 10. Dezember 2016

galerie oqbo | raum für bild wort ton
Brunnenstr. 63, 13355 Berlin
info@oqbo.de

Öffnungszeiten: Do, Fr, Sa jeweils 15 – 18 Uhr

Tags : Christian HasuchaKatharina LüdickeKunst im öffentlichen RaumKunst im StadtraumNeues von draußenNorbert Radermacheroqbo GaleriiePrinzessinnengärtenraumlaborberlinSeraphina Lenz