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„Es ist nicht schwer – nur anders“

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Fotos: Sharmila Hashimi

Drei Jahre ist sie bereits in Deutschland. „Berlin ist meine Heimat“, erklärt die afghanische Journalistin Sharmila Hashimi. Stolz präsentiert sie ihren Kleinwagen – den deutschen Führerschein hat sie jüngst im Rahmen eines Programms für Geflüchtete gemacht. Viel sei passiert in diesen drei Jahren, resümiert sie, „viel Gutes, viel Schlechtes“.

Doch zu einem Schluss ist sie gelangt: „Meine Heimat ist nicht, wo ich geboren bin. Auch wenn ich nicht hundertprozentig von allen akzeptiert werde, so genieße ich hier die Freiheit, zwischen verschiedenen Optionen wählen zu können“.

Mit ihrem Mann hatte sie in Herat, einem für die Amerikaner wichtigen strategischen Ort im Nordwesten Afghanistans, ein Redaktionsbüro mit dreizehn Angestellten unterhalten. In der Region sollte ein Rundfunksender aufgebaut werden, der Menschen im Grenzbereich zwischen Iran und Afghanistan erreicht. Sharmila kooperierte mit ausländischen Charity Organisationen, verfasste Texte über Frauen- und Menschenrechte.

13931672_965147876944716_1809661488_oDabei arbeitete sie auch mit europäischen Männern zusammen und freundete sich mit Frauen aus dem Westen an. In ihrem islamischen Umfeld – selbst bei der eigenen, eher liberal eingestellten Familie – stieß dies auf Unverständnis. „Auch habe ich nicht fünfmal am Tag gebetet, trug mein Kopftuch zu lässig.“ Sie solle „lieb“ sein, lautete die Aufforderung ihrer Umgebung, sich unterordnen. Es sei kräftezehrend gewesen: „Ich kann schließlich nicht alleine mit allen streiten.“

Sie und ihr Mann gerieten in den Fokus der Taliban. Als eines nachts das Redaktionsbüro zerstört wurde, ihr Mann verprügelt und ihr Laptop gestohlen, entschied sich die Familie mit dem damals fünfjährigen Sohn B. zur Flucht.

Flucht über Pakistan

Eine Summe von 30.000 Dollar bezahlte die Familie für gefälschte Pässe, dann geschah das Unfassbare. Sharmila und B. kamen in Pakistan mit den Schleppern durch die Flughafenkontrolle, der Mann jedoch wurde festgehalten. Was folgte, waren Wochen der Orientierungslosigkeit und Angst. Zwanzig Tage verbrachten Sharmila und B. alleine in Istanbul, mit anderen Menschen eingepfercht in einer engen Kaschemme. Sie erhielten nur eine Mahlzeit am Tag, wussten nicht, was mit dem Familienvater passiert war.

Auf abenteuerliche Weise gelangten sie schließlich auf einem Schiff nach Griechenland, wurden in einem LKW unter Kleiderbergen nach Deutschland gebracht, wobei sie Tabletten erhielten, die schläfrig machten und appetitlos. Über Baden-Baden und Hamburg gelangten sie dann nach Berlin.

Eigentlich sollten sie vom dortigen Aufnahmelager in das Flüchtlingsheim nach Hellersdorf wechseln. Doch einen Abend vor dem geplanten Umzug ging Sharmila dorthin, um sich das Heim anzuschauen. Während sie sich im Zimmer einer afghanischen Familie aufhielt, wurden Steine gegen das Fenster geschleudert, Hunde in den Raum gehetzt, die sich auf die Kinder stürzten. Ein alter Mann aus der Nachbarschaft, dem das Heim ein Dorn im Auge war, folgte und bespuckte die Einwohner.

Sharmila erreichte in ihrer Verzweiflung, dass sie und B. stattdessen als eine der ersten Bewohner in das Heim in der Soorstraße ziehen konnten. Sie habe es dort gut angetroffen, auch wenn natürlich nicht alles perfekt gewesen sei. So gab es nur vier Waschmaschinen, was dazu führte, dass die Mitbewohner ihre Kleidung unter der Dusche wuschen, so dass es meistens kein warmes Wasser gab. Um duschen zu können, stellte sie daher den Wecker nachts auf 3 Uhr.

„Mama, sprich deutsch mit mir.“

Sowohl B. als auch sie waren schwer traumatisiert. Wenn sie den Sohn nur kurz alleine ließ, um etwa auf die Toilette zu gehen, bekam der Junge 13933309_965147863611384_1461417932_nPanikattacken. Dank der Betreuung durch einen Psychologen konnte er die Erfahrungen jedoch weitgehend verarbeiten. Inzwischen geht B. in die vierte Klasse einer deutschen Grundschule. Auf eine Willkommensklasse hatte Sharmila bewusst verzichtet. „Er ist einer der besten in der Klasse“, erklärt die Mutter stolz. Auch sei er zum Klassensprecher gewählt worden – nahezu einstimmig. Offensichtlich ist das aufgeweckte Kind in Berlin angekommen: „Mama, sprich deutsch mit mir“, ermahnt er seine Mutter gelegentlich. Und erklärt empört: „Man geht nicht über rote Ampeln“.

Sharmila und B. wohnen heute in einer hellen 50 qm-Wohnung in Charlottenburg, wobei sie sich bei der Besichtigung gegen ca. 100 Mitbewerber durchzusetzen hatten. Eine deutsche Frau hatte sie hilfreich unterstützt. „Die Mehrheit hilft“, so Sharmilas positive Erfahrung.

Inzwischen spricht sie fast fehlerfrei Deutsch und schreibt Kolumnen für große deutsche Tageszeiten. Diesen Herbst nimmt sie an einem zweimonatigen Workshop an der Evangelischen Journalistenschule teil, in dem Redakteure für eine „mobile Nachrichtenagentur“ auf Persisch und Arabisch geschult werden. Es sei nicht leicht für Journalisten in Deutschland, musste sie feststellen, selbst für ihre deutschsprachigen Kollegen sei die Situation hart. Im Frühling nimmt sie daher ein Studium der Sozialwissenschaften an der Evangelischen Hochschule als zweites Standbein auf.

Interkulturelle Mittlerin

Derzeit arbeitet Sharmila als interkulturelle Dolmetscherin für die Polizei. Erregt berichtet sie über ihre Tätigkeit, die für sie viel mehr ist als nur ein Job. Neulich habe sie in einer Familie übersetzen müssen, als ein Mädchen verprügelt wurde, das am Schulschwimmunterricht teilgenommen hatte. Ein anderer Einsatz führte zu einer schwangeren Frau im siebten Monat, die mit einem Kabel vom Ehemann ausgepeitscht worden war. Fast hätte sie das Kind verloren, doch gegen ihren Willen verständigte das Krankenhaus die Polizei. „Nun schützen sie mich“, weinte die Frau, deren Arme mit Striemen überzogen waren, „Doch was wird aus mir, wenn ich nachhause zurückkehre?“

Der Mann reagierte fassungslos: „Ich musste sie schlagen“, rechtfertigte er sich. „Denn sie hat mir widersprochen. Das hat Deutschland aus ihr gemacht“. Frauen seien halt dumm – das sage der Koran.

„Ich habe mitgeweint“, erklärte Sharmila. „Aber oft kann ich den Menschen helfen. Ich bin genau richtig an dieser Stelle, werde gebraucht.“ Mit zwei Muslimen, die in Tempelhof einen Christen zusammengeschlagen hatten, etwa diskutierte sie erfolgreich über den Gewaltakt – die jungen Männer zeigten Reue. In solchen Fällen helfe ihr das Zweitstudium der Rechtswissenschaften, das neben dem zivilen auch das islamische Recht umfasst. Sharmila versucht, argumentativ vorzugehen, wobei sie zwischen Regel, Tradition und Religion unterscheidet: „Meistens finden wir eine gute Lösung“.

„Keine Zeit verlieren“

Wie schafft sie es trotz aller Schwierigkeiten – so ist die Familie noch nicht wieder vereint, der Vater in Afghanistan – positiv zu bleiben? „Ich darf keine Zeit verschwenden. Wenn ich meinem Haus, dem Auto und der beruflichen Position in Afghanistan hinterher trauere, dann verliere ich auch die Zukunft,“ erklärt sie schlicht. Es sei nicht schwer hier, nur anders.

Positive Kraft schöpft sie auch, wenn sie sich mit den Deutschen vergleicht. „Ich habe bisher noch nie Steuern bezahlt. Aber es gibt Mütter von zwei, drei Kindern, die sich abarbeiten – und mir mein Leben finanzieren. Das ist ungerecht und belastet mein Gewissen“. Sharmila appelliert an die geflüchteten Frauen, sich in die Gesellschaft einzubringen: „Euer Geld im Jobcenter kommt auch von den deutschen Frauen, selbst von den Prostituierten“. Sie selber sieht es als ihre Aufgabe zu lernen, zu arbeiten, zu studieren. „Ich habe etwas von Deutschland bekommen, jetzt ist es meine Aufgabe, etwas zu geben.“

Tags : AfghanistanSharmila Hashimi