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„Die gesamte Welt ist das Milieu“ – ein Porträt der Künstlerin Uli Aigner

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Fotos © Michal Kosakowski

Eine Million. So viele „Topferl“ möchte Uli Aigner bis an ihr Lebensende geschaffen haben. Die österreichische Künstlerin hat sich also einiges vorgenommen, wenn auch die Zahl an Porzellangefäßen durchaus sinnbildlich zu verstehen ist. Vor allem geht es ihr um die vielen, vielen Möglichkeiten der Kreation, der Kommunikation und der Kontakte, die durch Teilen entstehen: „Ich teile eine Idee, ein Objekt, eine Denkweise und komme dadurch zu neuen Themen, die mich interessieren.“

„Ich liebe es, niederschwellig zu arbeiten“

In ihrem Berliner Atelier fertigt Uli Aigner Becher, Schalen, Kelche, Tassen. Und auch der Fressnapf für den Rauhaardackel eines Kunstsammlers entstand jüngst in ihrem Brennofen. Doch was daran ist Kunst? „Alles“, so die schlichte Antwort.  Ein „Riesenkommunikationsding“ nennt die Künstlerin ihr Projekt „EINE MILLION“, mit dem sie einen klaren Kontrapunkt zum üblichen Kunstbetrieb setzt.

Den Einzelstücken gibt sie eine individuell nachverfolgbare Nummer, fortlaufend archiviert auf der Website www.eine-million.com, und ein eigenes Zertifikat mit auf den Weg. So kann jede Form des Weiterreichens, Verschenkens, Versendens registriert werden. Mit der Zeit entstehen Verbindungslinien zwischen den Menschen, die in Besitz der Topferl waren, sind und sein werden. Das weiße Gefäß enthält somit immer auch die Geschichte einer wachsenden Teilhabe.

© Wolfgang Thaler

Als „Gesamtkunstwerk“ sieht sie ihren Lebensentwurf, in dem Produktion und Privatleben eine Einheit bilden. „Ich liebe es, niederschwellig zu arbeiten, Tabula Rasa zu machen, an einem Nullpunkt zu beginnen“, so die Mutter von vier Kindern im Alter zwischen fünf und 18 Jahren.

Inzwischen haben sich ihre Gefäße in aller Welt verbreitet. Man findet sie in Dallas oder Kopenhagen – ein Becher hat einen Platz in Astana/Kasachstan gefunden. Auf Google Maps lassen sich die Wege der individuell gefertigten Produkte nachverfolgen. Diese Unikate entstehen jeweils im direkten Austausch zwischen Künstlerin und Auftraggebern. „Ein Wunsch verrät am meisten über einen Menschen. Es ist eine große Fähigkeit, etwas wirklich zu wollen.“ Davon ist Uli Aigner überzeugt. Ihr Projekt ermögliche eine „maximale Antizipation“, was letztlich bedeute: „Freiheit für alle Beteiligten“.

Uli Aigner sieht ihre Art des künstlerischen Arbeitens als eine Art Notwehr gegen den Status quo des Kunst- und Designbetriebes. „Eine Art höfliche Ablehnung der mich umgebenden Umwelt. Eine Möglichkeit, friedlich zu widersprechen, Streit zu vermeiden, abzulenken auf etwas anderes, Selbstproduziertes.“

Weiß, pur, klar

Weiß, pur und klar sind die Objekte, die sie mit ihren Händen fertigt und mit einer erkennbaren Zahl versieht. 500 Jahre Garantie hat der Besitzer, zerbricht ein Gefäß, so schafft die Künstlerin dieses neu. Essgeräte fertigt sie vor allem, damit Menschen zusammenkommen.  Das Essen aus „weißem Gold“ vermittle zudem eine ganz eigene Wertigkeit.

„EINE MILLION“ ist nicht vorrangig auf monetäre Transaktionen angelegt. Oft liegt der Gewinn im Tauschen und im Austausch. So nimmt Uli Aigner im Tausch gegen Porzellan Stimmbildungsstunden bei einer Opernsängerin, während sie einem Profi für den Schachunterricht mit Porzellanschachfiguren honoriert.

In einem Heim führte sie jüngst Gespräche mit alkoholkranken Männern, um auszuloten, was diese als schön empfinden. Ihr Vorhaben ist, jedem sein persönliches Wunschgefäß zu gestalten und zu schenken: „Diese Männer bekommen einen ‚physischen Beweis’ ihrer eigenen Existenz in Form eines von ihnen selbst erdachten schönen Dings.“  Und das sind nur drei von einer Million Möglichkeiten, die sich in Dingen manifestieren …

In der Partitur „3Räume“ hat sich der Komponist KP Werani den Arbeiten Uli Aigners und Hanne Darbovens gewidmet. Er sieht in deren Kreationen eine „Nähe zum eigenen Bedürfnis, übermäßig und folglich mit einem einzigen Material zu arbeiten, bis dieser Prozess völlig erschöpft ist.“

Geschirr zum Mars schicken

Uli Aigners gedanklicher Kosmos ist weit. Warum also vor Grenzen haltmachen? „Zu gerne würde ich der Marsmission Geschirr mitgeben“. Sie bezieht sich dabei auf ein Forschungsprojekt, bei dem Menschen ausgebildet werden, auf dem Mars in einer Kolonie zu leben, sollten die Probleme unseres Planeten nicht mehr zu bewältigen sein.

Bei allem Vorstellungsvermögen, die 51-jährige Künstlerin steht mit beiden Füßen fest auf der Erde. Bewusst setzt sie ihre physische Existenz ein, untersucht die Produktionskraft am eigenen Körper. Auf keinen Fall darf das Töpfern sie stressen. So hat sie für sich einen stimmigen Rhythmus gefunden, indem sie zwei Stunden am Stück an der Drehscheibe arbeitet, die Objekte ein erstes Mal brennt und tags darauf wieder. Dann pausiert sie für zwei bis drei Tage.

Als Tochter eines Tischlers und einer Mutter, die aus einer bis ins 17. Jahrhundert zurück verfolgbaren Winzerfamilie stammt, ist sie mit handwerklichen Traditionen aufgewachsen. Früh hat sie den Drang verspürt, etwas mit den Händen zu schaffen. „Einfach machen“.

Studium bei Matteo Thun

Sechzehnjährig absolvierte Aigner in Wien eine Töpferlehre, bevor Matteo Thun sie an der Wiener Hochschule für Angewandte Kunst in die Klasse für Keramik und Produktgestaltung  aufnahm. Thun war einer der Mitbegründer der postmodernen Gruppe Memphis, die in den 80er-Jahren den Design-Betrieb mächtig aufwirbelte. „Alles hatte plötzlich Tempo bekommen, alles war in Bewegung“ erinnert sie sich.

Der jungen Frau, deren unorthodoxes Potential Thun erkannte, standen alle Türen offen: So wurde Tiffany’s in New York auf einen Entwurf der Studentin aufmerksam, und schon vor dem Diplom mit Auszeichnung erhielt sie eine Stelle als Juniordesignerin bei WMF.

Doch die mit zahlreichen internationalen Preisen ausgezeichnete Künstlerin und Designerin, deren Stipendien sie u.a. nach Mexiko und London führten, empfand den Kunst- und Designbranche als „sexistisches Haifischbecken“. Sie entsprach weder dem Klischee der aufstrebenden Designerin, noch wollte sie ihm entsprechen. Kunst hingegen erkannte sie für sich als eine „nach oben offene Intelligenz“. Anstelle von Stil und der schönen Form rückten für sie zunehmend die Dekonstruktion von Formen, Milieufragen und Produktionsbedingungen in den Fokus. „Die ganze Welt ist ein Milieu“, betont sie und „Geschmack ist irrelevant“. Stattdessen sei es wichtig zu erforschen, warum man etwas machen will. In welcher Beziehung Körper, Raum und Objekt stehen. Wie man es schafft, Arbeiten zu realisieren, und wer sie am Ende haben will.

„Würde ich an einer Hochschule Design lehren, ordnete ich jedem Studenten ein Land zu“, erklärt sie. „Sie müssten herausfinden, welche Werkstoffe es dort gibt und welche Bedingungen herrschen. Ich würde sie in die betreffenden Länder schicken, damit sie am Produktionsprozess partizipieren.“

„Input-Output-Kreislauf“

Sie selber schafft sich ihre eigenen Produktionsbedingungen, sicher auch als Kommentar zum Kunstmarkt. Stella Rollig, Direktorin des Bundesmuseums Österreichische Galerie Belvedere, sieht Uli Aigners Werk als einen „Input-Output-Kreislauf“, als einen „vernetzten Kreislauf der Kommunikation“: „Uli Aigners Werk vermittelt denen, die sie persönlich kennen, den Eindruck eines reibungslosen Übergangs, sans suture und ohne Bruchstelle, vom Leben zur Arbeit, von Privatmensch, Frau, Freundin, Mutter Tochter, Schauende, Lesende, usw. zur professionellen Künstlerin“.

Neben der „EINEN MILLION“ ist Aigner seit 2013 mit einem anderen Langzeitprojekt beschäftigt, der „OFFENEN FORM“.  Dabei handelt es sich um monumentale mit Buntstiften gemalte Darstellungen von offenen vasenartigen Formen, bei denen sie den Außenraum abgrenzt. „Alles ist Innenraum, es gibt nichts, wo ich neutral sein kann“, so ihr Credo.

In der Tradition der Monumentalvasenmalerei

In einigen der ältesten Porzellanmanufakturen der Welt recherchierte sie die Geschichte der Monumentalgefäße. In Europa dienten diese den Adelshäusern ab dem 18. Jahrhundert als Mittel der politischen Repräsentation. Aufgrund der schwierigen Produktionsbedingungen und der damit verbunden erforderlichen künstlerischen Handfertigkeit, war das Geschenk einer Monumentalvase der Ausdruck höchster Wertschätzung. Heute jedoch befinden sich die alten europäischen Porzellanmanufakturen in einer schweren Krise, kämpfen ums Überleben.

In China hingegen war Porzellan nicht nur den Regierenden vorenthalten – seit über 3000 Jahren wird es von allen Gesellschaftsschichten gleichermaßen genutzt. Dort erfährt es derzeit eine Aufwertung, nicht zuletzt durch die chinesische Regierung. Auch wurde 2009 das Verfahren zur Herstellung von Longquan-Porzellan von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt.

In China wird Uli Aigner im Mai einen ihrer Vasenentwürfe 1:1 in Porzellan umsetzen. In der über 2000  Jahre alten Porzellanstadt Jingdezhen werden chinesische Töpfer – unter ihrer Aufsicht und Mitarbeit – ein Gefäß von 2,20 Meter Höhe und 1,20 Meter Durchmesser realisieren.

Suizidmahnmal für „Menschen, die trotzdem da sind“

In der OFFENEN FORM porträtiert Uli Aigner die Welt in unterschiedlichen, aber zusammenhängenden Definitionen. So etwa in der Offenen Form 19, die als Suiziddenkmal/ Mahnmal gedacht ist. Inhaltlich fließen dabei verschiedene Ebenen ineinander: Zum einen ist die Vase ihrem ersten Mann und ihrer Nichte gewidmet, die sich beide das Leben genommen haben. Auch greift die Künstlerin am oberen Rand sowie innen die mathematische These auf, über die sie gerne mit ihrem verstorbenen Mann diskutiert hat und die darin mündet, dass das Universum eine Holographie sei.

Und schließlich hat sie am Bauch der Vase OFFENE FORM 19 einen Sonnenuntergang in Inuvik, im Nordwesten Kanadas festgehalten, den sie von ihrer dort lebenden Schwester per Facebook als Foto zugeschickt bekommen hatte – den letzten, bevor es drei Monate lang kein Sonnenlicht mehr geben würde. Einen Tag später nahm sich die Tochter der Schwester, Uli Aigners Nichte, das Leben.

In der Darstellung der Vase spiegeln sich die damit verbundenen Bilder und Gefühle wider: Zentrifugalkräfte scheinen den Betrachter – fast körperlich spürbar – in die Tiefe des Gefäßbauches herabzuziehen. In einen Strudel der Dunkelheit und der Leere. Doch schwach scheint am oberen Rand eine müde Wintersonne.

Aigner stellt sich in die jahrhundertealte Tradition der Porzellanmalerei, um ihr ureigenes Porträt der Gegenwart zu zeichnen. Ein Porträt des physischen und platonischen Auf-der-Weltseins.

Neue Bühnen schaffen

Und mehr noch: Im Sinne des Philosophen Armen Avanessian ist sie überzeugt davon, dass eine imaginierte, behauptete Zukunft Auswirkungen auf das Handeln in der Gegenwart habe. Ein Postulat des französischen Soziologen Bruno Latour hat sie zur Maxime erklärt: „Was zählt, ist die Frage, wie man neue Bühnen schafft, auf denen man unser Leben verändert.“ So sucht auch sie unermüdlich nach diesen Bühnen, auf denen unser Menschsein neu verhandelt werden kann.

 

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