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Es lebe die Dividuation! – Interview mit Prof. Dr. Michaela Ott

Ott
Dr. Michaela Ott

2015 erschien von Dr. Michaela Ott das Buch Dividuationen: Theorien der Teilhabe bei b-books. Yeast sprach mit Michaela Ott über ihren spannenden theoretischen Ansatz zur Teilhabe. 

Michaela Ott ist Philosophin und Filmwissenschaftlerin und lehrt seit 2005 als Professorin für Ästhetische Theorien an der Hochschule für Bildende Künste Hamburg. Ihre Forschungsschwerpunkte sind insbesondere die philosophische Ästhetik, die poststrukturalistische Philosophie sowie Ästhetik und Politik, Ästhetik des Films, Theorien des Raums, Theorien der Affekte und Affizierungen im globalen Kontext. Zu ihren wichtigsten Publikationen zählen Deleuze. Zur Einführung (Hamburg 2005), Affizierung. Zu einer ästhetisch-epistemischen Figur (München 2010) und der mit Marie-Luise Angerer und Bernd Bösel herausgegebene Band Timing of Affect (Berlin 2014).

Wie kamen Sie zu der Idee für das Buch „Dividuationen: Theorien der Teilhabe“?

Ich schreibe ja seit geraumer Zeit über Fragen der menschlichen Subjektivierung, die sich fortgesetzt verändert, insofern sie heute mehr denn je mit technologischen Prozessen verbunden ist und sich auf der psychischen, affektiven und physischen Ebene anders gestaltet als, sagen wir, ein halbes Jahrhundert zuvor. Ich mache dafür gerne Affizierungs-, also psychophysische Ansteckungsvorgänge verantwortlich, was bedeutet: Wir lassen uns heute von kulturellen Techniken anders anstecken und stimulieren als früher. So formen wir unsere Affektivität u.a. nach Maßgabe unserer Teilhabe an digitalen Netzen und sozialen Medien; sinnliche Reize, Sprache und Bilder werden uns heute verstärkt durch technologische Medien vermittelt, was dazu führt, dass wir diese in unsere Psychophysis integrieren, dass wir sie zu Teilhabenden an unseren Subjektivierungsprozessen werden lassen, uns von ihnen steuern lassen, im Extremfall mit ihnen zusammenwachsen.

Was ich in der Zeit meiner Sozialisation gelernt habe, nämlich dass wir als Personen niemals eins und ungeteilt sind, weil uns immer schon Sprachen und Blicke anderer bewohnen und unterteilen, multipliziert sich heute in ungeheurem Maße: Wir sind nicht nur psychisch und affektiv, sondern auch physisch, nach zeitgenössischen Erkenntnissen der Biologie, von nicht-zählbaren Anderen bewohnt und mitformiert. All dies Beobachtungen haben mich veranlasst, darüber ein Buch zu schreiben, das im übrigen die logische Fortsetzung meines vorangehenden Buches über „Affizierung“ ist.

Ich habe den Gedanken der freiwillig-unfreiwilligen Teilhabe dann in Bezug zu zeitgenössischen Erkenntnissen der Biologie und Soziologie gesetzt, die ja ihrerseits davon sprechen, dass wir von nicht-zählbaren Anderen bewohnt, manipuliert, ja konstituiert werden, seien es nun Mikroorganismen wie Bakterien und Viren, die sich an unseren Stoffwechselprozessen oder der Entzifferung des Genoms beteiligen, seien es unterschiedlich kulturelle Elemente wie sprachliche, bildgebende, musikalische Artikulationen, die wir uns aneignen und von welchen wir uns bis in unbewusste Mikrobereiche hinein mitformieren lassen. Deshalb spreche ich davon, dass wir längst keine Ungeteilten, keine Individuen, mehr sind, sondern analysieren sollten, inwiefern wir uns dividuieren und was das für unser Selbstverständnis bedeutet.

Was versteht man, was verstehen Sie unter dem Begriff Dividuation?

Dividuation meint eben jenen Prozess vermehrter psychophysischer Unterteilung und Teilhabe der – nicht nur – menschlichen Einzelnen an vielfältigen und qualitativ unterschiedlichen Vorgängen, die es mit sich bringen, dass wir uns allenfalls als prekäre und je besondere dividuelle Kohäsionen verstehen können, nicht aber als Individuen. Der Begriff des Dividuellen wurde von Gilles Deleuze zur Charakterisierung von Filmbildern gebraucht, die nie stillstehen, sondern sich fortgesetzt ästhetisch unterteilen und modifizieren, weshalb er ihnen Individualität abspricht. Wenn aber bereits bewegte Bilder keine Individualität besitzen, um wieviel weniger alles Lebendige, das auf Aufnahme und Abgabe von Stoffen, aber auch auf psychische und mediale Teilhabe an und durch Andere angewiesen und daher in fortgesetzter Transformation befindlich ist. Diese Prozesse der Vielfachteilhabe haben sich multipliziert mit den technologischen Verschaltungen, die es ja mit sich bringen, dass wir an Schicksalen an unbekannten Orten imaginär, affektiv und praktisch teilhaben und uns unter Umständen gleich in mehrere Teilhaben an verschiedenen medialen Prozessen aufteilen – etwas, was es in dieser Drastik bis vorgestern nicht gegeben hat und was im Begriff der Dividuation weitergedacht werden soll.

Es scheint, als würden Dividuation und Individuation einander ausschließen? Stimmt das?

Dividuation verstehe ich als Ausdruck, der die gedankliche Radikalisierung des Prozesses der Individuation, nicht ihr Gegenteil, wiedergeben soll. Es hat in der Geschichte der Philosophie verschiedene Denker wie etwa Spinoza oder Gilbert Simondon gegeben, die davon ausgingen, dass der menschliche Individuationsprozess sich aus verschiedenen Teilvorgängen und verschiedenen Individuationen zusammensetzt. Diesen Gedanken habe ich nur verlängert und mich gefragt, warum etwas, das unterteilt ist und sich immer weiter teilt bzw. immer intensiver an Anderen teilhat, noch als In-Dividuation zu bezeichnen ist, wo es doch nur durch eine sehr prekäre Kohäsion charakterisiert ist. Diese funktioniert nach heutigem Wissen umso besser, umso mehr die Einzelnen frühzeitig anderen Organismen und kulturellen Prozessen ausgesetzt und von diesen gespeist und herausgefordert werden.

Wird nicht durch Dividuation erst das Individuum möglich, wenn man es nicht als einen abgeschlossenen Prozess beschreibt? Oder müsste man sich hier anderer Begrifflichkeiten bedienen?

Man man kann diese prekäre Einheit, die sich am Schnittpunkt verschiedener Prozesse ausbildet und eine gewisse Konsistenz und Kohäsion aufweist, eben deswegen wie gehabt Individuum nennen. Ich möchte mit meiner Umakzentuierung dagegen das im Neoliberalismus gängige Verständnis des Selfmademan und Single, desjenigen, der kraft Einsatz seiner kognitiven und affektiven Vermögen, als Teilhabevirtuose, zu seines Glückes Schmied wird, kritisieren und durch Verweise auf unsere unhintergehbare Verflochtenheit mit Anderen, die wir berücksichtigen und moderieren lernen sollten, relativieren. Es steckt auch ein ethischer Imperativ in diesem Neologismus.

Ihr Buch „Dividuationen: Theorien der Teilhabe“ beleuchtet u.a. die Teilhabe, das Teilen oder sich Vernetzen mit digitalen Medien und in sozialen Netzwerken. Eine Teilhabe, die Sie durchaus kritisch analysieren. Was sind Ihre Hauptargumente der Kritik?

Ich kritisiere nicht per se die heute etablierte Teilhabe an technologischen Medien, wohl aber ihre unbedachte Nutzung und die Abhängigkeit, die dadurch von ihnen entsteht. Ich selbst beobachte mich, dass ich den Laptop zu allen erdenklichen Zeiten öffne und die Möglichkeit der digitalen Verbundenheit als solcher derart in meine Alltagsgewohnheit integriert habe, dass es schwer wäre, auf sie zu verzichten. Damit ziehen neue affektive Abhängigkeiten, Aufmerksamkeitsbindungen und Nervositäten in unsere Subjektivierungsprozesse ein, die sich unserer Macht zunehmend entziehen und schließlich uns steuern und kontrollieren…

Wie verhält es sich hierbei mit dem ‚Teilen von Wissen‘, dem emphatischen „Sharing Knowledge“, und den sich verbreitenden digitalen Open Access-Datenbanken und -Initiativen, die Wissen global und uneingeschränkt zugänglich machen wollen? Eine Tendenz, die ja neben dem Urheberrecht durchaus Sinn macht gerade von Seiten der Wissenschaft und Kultur hat. Oder?

Die Wissensteilhabe ist eine eminent politische Frage; mehr Teilhabezugänge für z.B. afrikanische Länder wäre wünschenswert, weil das heute die Ausgangsvoraussetzung für Mitsprache auf der globalen Plattform ist. Ich bin für open-access, obwohl ich als Übersetzerin und Autorin auf meine Rechte bestehen und monetäre Abgeltung verlangen könnte. Wenn aber die Texte nicht zugänglich sind und nicht zirkulieren, haben sie keinen Sinn; ich möchte lieber auf Autorenrechte und finanzielle Vorteile verzichten als den open-access einschränken.

Auch wenn Sie von der Theorie reden, gibt es eine Gesellschaftsform, die praktisch dem Prinzip der Dividuation nahe kommt?

Wie ich behaupten möchte, sind heute alle vormals als unverwechselbar verstandenen Kulturen nicht mehr individuiert, auch wenn das manche politische Parteien gerade gegenwärtig wieder einfordern. Wir sind gesellschaftlich und kulturell längst dividuiert; jede westliche Gesellschaft hat heute teil an globalen Prozessen, z.B. an umlaufenden Finanz- und Informationsströmen, lässt sich von diesen unterteilen bzw. wird zu einem äußerst dividuellen, längst nicht mehr eindeutig national definierbaren Gefüge, zu welchem vielfältige Arten der Aufnahme und Weiterbearbeitung von bis dato als kulturfremd verstandenen Vorgängen gehören.

Sie sprechen in Ihrem Buch auch über die Dividuation im Bereich der Kunst. Es geht hierbei aber nicht um Partizipation an dem Produkt, die zumeist den Betrachter einschließt bzw. von ihm abhängt. Vielmehr ist der künstlerische Ansatz, die Intention und der Werkprozess des Künstlers gemeint. Dennoch, wie sehen solche Kunstwerke zum Beispiel aus? Können Sie eine/n KünstlerIn nennen, die/der Ihrer Meinung nach dieses Prinzip der Dividuation erfüllt?

Zum einen gilt auch für den Bereich der Kunst, was für andere Bereiche wie die Wirtschaft gilt: Sie ist nicht abgekoppelt von umlaufenden Bilder- und Tonströmen; Künstler_innen bedienen sich heute in ihren Recherchen vielfältiger Archive und bieten ihre künstlerischen Statements als nicht-geschlossene, sondern offene, erweiterbare, umarrangierbare und prozessuale Teilergebnisse an, die sich durchaus als dividuell bezeichnen ließen. Im Internet werden literarische Texte weitergeschrieben, Fotos werden entwendet und umkodiert – das ist doch gang und gäbe. Wie das aber anders bezeichnen denn als dividuelle Teilhaben, die fortgesetzt noch dividuellere Teilhaben generieren?

Wie verhält es sich dabei mit der künstlerischen Autorenschaft?

Die Autorenschaft bezeichnet natürlich nach wie vor denjenigen und diejenige, die bestimmte künstlerische oder theoretische Äußerungen für den Moment verantworten. Und doch stehen die Namen nicht für Erfinder oder autonome Schöpfer, sondern für Bastler, Neuarrangierer, Intensivierer und Umakzentuierer, mithin für Personen, die in der Wiederholung von Vorgefundenem, auch von vorgefundenen Gedanken etwa zum Individuum, diese weitertreiben, radikalisieren, dramatisieren und umwerten, um zu veränderten Schlüssen zu gelangen und andere begriffliche oder ästhetische Vorschläge zu unterbreiten, wie ich es mit dem Begriff der Dividuation versucht habe.

Wer mehr zu diesem spannenden Thema lesen möchte:

Es lebe die Dividuation! – Eine Zusammenfassung von Michaela Ott aus ihrem Buch für die Leser von YEAST – Art of Sharing.

Das Buch von Michaela Ott Dividuationen. Theorien der Teilhabe ist bei b_books erschienen (330 S., ISBN 978-3-942214-15-5, 18 €).

 

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